Lieber Likeplacid,
ich möchte dir nur kurz sagen: Ich wollte deinen Thread nicht „kidnappen“.
Ich habe nur versucht, bei dem in die Tiefe zu gehen, was für mein Empfinden immer wieder unaufgelöst zwischen den Zeilen mitschwingt.
Zum Punkt „Gegenübertragung“:
Zitat:Liri sagt: Gegenübertragung geht anders, aber das wäre jetzt ein bisschen eine Themaverfehlung, das zu erklären.
Ja sehe ich auch so.
So wie ich das verstanden habe, ist Gegenübertragung nicht einfach „jemand fragt etwas, also ist das Gegenübertragung“.
Es geht eher darum, dass beim Gegenüber Gefühle entstehen, die etwas mit der Dynamik im Kontakt zu tun haben und dass man das bewusst bemerkt, statt es unbewusst auszuleben oder durch rationalisieren zu übergehen und das passiert hier.
Ein simples Beispiel mit Wut (ein fiktives Beispiel):
Eine Person wirkt nach außen ruhig und sachlich, aber zwischen den Zeilen schwingt ständig passive Aggression oder Druck mit. Und irgendwann merkt der Zuhörer plötzlich:
„Ich werde innerlich wütend und das passt eigentlich gar nicht zu mir oder zur Situation.“
Dann wäre der Punkt nicht: „Oh Gott, ich bin wütend, das darf nicht sein“, sondern eher:
„Interessant… vielleicht zeigt mir diese Wut etwas über den Kontakt. Vielleicht ist hier im Raum Wut, die die andere Person selbst nicht fühlen kann oder nicht zulassen darf.“
So meinte ich das.
Und genau so ist es bei mir manchmal auch beim Lesen deiner Texte:
Ich nehme bei dir oft eine Ambivalenz wahr.
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Der Sucher und der Antwortgeber im Konflikt
Einerseits liest es sich so, als würdest du sehr klar sein und eigentlich keine Fragen haben sondern Antworten.
Andererseits schwingt für mich manchmal doch etwas mit, das nach Resonanz ruft. Vielleicht sogar nach Gesehenwerden.
Und genau deshalb macht mich das immer wieder unsicher, wie ich dir begegnen soll. Nur ist das nicht meine Unsicherheit sondern deine im Spiegel.
Denn ich merke bei mir: Manchmal habe ich das Gefühl, egal was ich schreibe, ich lande damit in einer Falle. Es kippt dann schnell in eine andere Richtung und ich habe plötzlich den Eindruck, ich habe „falsch“ reagiert.
Ich versuche mal zu beschreiben, was diese „Falle“ für mich ist:
Wenn jemand sich als Antwortgeber zeigt, dann ist das völlig okay, aber dann darf er (in gewisser Weise) nicht erwarten, dass alle automatisch andocken. Antworten sind oft einsam. Damit muss man leben können.
Wenn jemand dagegen eher als Suchender schreibt, dann gibt es eine andere Tür: Dann kann man offen sagen: „Bitte helft mir“ und dann entsteht auch oft leichter emotionaler Kontakt.
Was schwierig wird, ist dieses „Dazwischen“:
Antwortgeber sein wollen, aber gleichzeitig Resonanz brauchen, Anteilnahme brauchen, Gesehenwerden brauchen, ohne das als Bedürfnis zeigen zu wollen.
Und genau das lese ich bei dir manchmal zwischen den Zeilen.
Wer sich übers Antworten definiert, muss - ob er will oder nicht, irgendwann auch ein Stück „Verkäufer“ werden.
So wie jemand, der ein Buch verkaufen will:
Der muss eben dafür sorgen, dass es gut geschrieben ist, dass es den Leser mitnimmt,
dass es eine Form hat, die andockbar ist. Der muss ich sags mal überspritzt ein kleine Guru sein.
Auch die Gestaltung des Covers ist nicht egal. So verkauft man Antworten.
Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, ein Sucher zu sein. Offen. Fragend. Hier muss man nichts verkaufen. Das ist der große Vorteil des Suchers.
Als Sucher darf man authentisch und fragmentarisch bleiben. Man kann sagen: „Ich weiß es nicht. Bitte helft mir.“ Man muss hier nicht performen, nicht perfekt sein man darf fragen und Hilfe bekommen.
Aber was nicht geht – und das ist dieser ambivalente Punkt – ist:
Man kann nicht Antworten geben und gleichzeitig erwarten,
dass die Leute ein Buch „kaufen“, das noch fragmentarisch ist.
Entweder man sieht ein:
Ich muss noch weiter an meinem „Buch“ arbeiten – und die Antworten (inklusive Verpackung) so gestalten, dass sie wirklich tragfähig sind. Und das ist eben oft ein Lebenwerk.
Oder man sieht ein:
Wenn es mir eigentlich um Anteilnahme geht, dann müsste ich mich verletzlicher zeigen.
Und weil du diese Ambivalenz in dir selbst nicht so richtig kontaktieren kannst, passiert dann etwas Komisches im Kontakt:
Da wären Leute, die dir eigentlich gerne antworten würden, weil sie dir begegnen wollen – und dann lässt du sie (unbewusst) ins Leere laufen. Und irgendwann sagt man sich dann: „Okay… dem antworte ich jetzt nicht noch ein weiteres Mal.“ Weil es sich sonst immer wieder wie dasselbe Spiel anfühlt.
Deine Ambivalenz spielt sich also in den Antworten ab.
Und die Frage ist: Wie sehr durchschaut man das? Wie entscheidet man sich für die eine oder andere Seite?
Oder, so wie ich heute, geht man vielleicht den Weg der Mitte: weder/noch, aber mit Klarheit.
Also nicht so tun, als gäbe es die Ambivalenz nicht, sondern sie benennen: „Das ist es, was ich sehe.“
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Zitat:Likeplacid sagt: Warum ist es wichtig, dass man erreichbar ist?
Ich meinte mit „erreichbar“ nicht „telefonisch erreichbar“, sondern: innerlich zugänglich für Kontakt – auch wenn man souverän ist.
Für mich wirkt es manchmal so, als würdest du Resonanz wollen – aber gleichzeitig sehr schnell zumachen, wenn jemand dir nahekommt.
Und das macht es mir schwer, überhaupt zu wissen, was stimmig wäre zu schreiben.
Vielleicht kannst du das ganz schlicht beantworten (wenn du magst):
Was ist dir hier gerade wichtiger – Antworten geben (ohne Erwartungen), oder Kontakt/Resonanz?
Beides gleichzeitig ist nicht unmöglich – aber es erzeugt schnell genau diese Ambivalenz, die dann alles wieder zuschnappen lässt.