Zeit im Traum – und wer träumt sie eigentlich?
Ich habe mich gerade erinnert, dass es hier mal einen Thread zu dem Thema gab.
Aus einem Austausch über Zeit, den ich gerade hatte, ist mir Folgendes eingefallen.
Zeit erscheint uns oft selbstverständlich und linear, als würde sie einfach gleichmäßig von Vergangenheit in Zukunft fließen. Doch in der unmittelbaren Erfahrung, im Traum oder in veränderten Bewusstseinszuständen zeigt sich, dass Zeit auch ganz anders erlebt werden kann.
Ich kenne eine Wahrnehmung, die sich so anfühlt, als würde sie vor der gewohnten Vorstellung von Zeit liegen. In diesem Erleben wirkt Zeit wie eine Erscheinung auf einer Leinwand – etwas, das auftaucht, sich bewegt und Geschichten bildet.
Im Traum wird das besonders deutlich: Man kann in einem Moment vom Jahr 2900 n. Chr. ins Jahr 500 n. Chr. wechseln. Ich kenne sogar einen Klarträumer, der die Zeit im Traum rückwärts laufen lassen kann. Dort sieht man: Die Reihenfolge der Ereignisse ist nicht fest, sie ist formbar.
Gerade kam mir noch ein Gedanke:
Wir schreiben 2026 n. Chr. – Christus als Mittelpunkt der Zeitrechnung, die Jahre kreisen um dieses Zentrum herum. Das passt erstaunlich gut zu der Idee vom „absoluten Träumer“ – eine Sichtweise aus manchen spirituellen oder nondualen Traditionen, in der die gesamte erlebte Wirklichkeit eher wie ein Traum oder eine Erscheinung im Bewusstsein verstanden wird.
Im Kern etwas Zeitloses, ein Potential. Darum herum Zeit als Erscheinung auf der Leinwand. Zeit und Zeitlosigkeit sind dann keine Gegensätze, sondern zwei Perspektiven auf dasselbe Geschehen.
Kinder müssen die Uhr erst lernen. Sie leben anfangs mehr im unmittelbaren Erleben, im Rhythmus von Hunger, Müdigkeit, Hell und Dunkel. Sie sind dem zeitlosen Fließen noch näher, bevor das Raster der Stunden und Termine sich darüberlegt.
Und doch hat Zeit auch eine wichtige Funktion:
Zeit und Raum bilden gemeinsam Erfahrungsräume. Ein Montag fühlt sich anders an als ein Samstag, weil Zeit bestimmte Strukturen vorgibt. Sie ordnet Erwartungen, Rollen und Möglichkeiten. Zeit macht bestimmte Erfahrungen überhaupt erst möglich – zum Beispiel die typische „Montags-Erfahrung“ ?
So gesehen ist Zeit nicht nur eine Zahl oder eine Illusion, sondern ein strukturgebendes Prinzip für Erleben. Und trotzdem bleibt für mich offen, ob Zeit letztlich Traum oder Wirklichkeit ist. Sicher scheint nur: Sie kann auf ganz unterschiedliche Arten erfahren und verstanden werden.
Oder … ich musste gerade daran denken: Ich habe Steam geöffnet (eine Online-Plattform für Computerspiele) und habe kürzlich Kingdom Come: Deliverance 2 gespielt – Mittelalter, ungefähr um das Jahr 1400 n. Chr. Und jetzt dachte ich, vielleicht könnte ich ja mal No Man’s Sky spielen – Science-Fiction in einer fernen Zukunft (z. B. Jahr 3300 und weit darüber hinaus).
Hier liegen die Zeiträume nicht in Beziehung zueinander – und doch kann ich sie unmittelbar nacheinander erleben.
Und dann musste ich wieder an unseren Austausch denken und möchte sagen: So kann ich es auch aus der Perspektive des „absoluten Träumers“ erfahren – also aus einer Sicht, in der Bewusstsein wie der Träumer ist und alle Zeiten wie Traum-Szenen darin auftauchen. Zeit ist aus dieser Perspektive nicht linear und existiert gleichzeitig als Traum, Erlebnis und Möglichkeitsfeld.
Aber für mich ist der „absolute Träumer“ nicht die eine richtige Perspektive, sondern ebenfalls nur eine Möglichkeit, Wirklichkeit zu betrachten.
Deshalb glaube ich: Zeit existiert. Ob sie Traum ist oder Wirklichkeit, bleibt für mich unentschieden. Doch sie kann auf ganz verschiedene Arten erlebt und verstanden werden.
Dass Zeit als Traum oder Illusion erscheinen kann, bedeutet noch nicht, dass sie nicht existiert. Das wäre bereits eine Schlussfolgerung. Ich kann ja nicht einmal sicher wissen, ob meine Erfahrung von Zeitlosigkeit etwas Absolutes ist – oder ob auch sie nur eine weitere Form des Träumens darstellt.
Und vielleicht ist es gut, sich immer wieder daran zu erinnern:
Wer bin ich vor jeder Schlussfolgerung?
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*(Im Moment bin ich etwas vom Advaita Vedanta geprägt, einer nondualen Philosophie. Dort geht es nicht darum zu behaupten, dass es keine Zeit gibt, sondern um eine Art Meta-Perspektive: das Bewusstsein oder Selbst, das vor allen Erscheinungen und Erfahrungen liegt, auch vor Zeit und Zeitlosigkeit.
Diese Meta-Perspektive wird manchmal wie ein „absoluter Träumer“ beschrieben, in dem alle Phänomene auftauchen. Dort sind Wachzustand, Traumzustand und traumloser Tiefschlaf aus Sicht des absoluten Träumers alles schon Erscheinungen.
Es gibt eine Fixierung auf den absoluten Träumer vor allen Erscheinungen, und dadurch bekommt man, wenn man es trainiert, aus dieser Sicht zu schauen, einen sehr guten Abstand und kann sich aus allen Vorstellungen, denen man unterliegt, ausloggen. So kann man auch eine Art Luzidität im Wachzustand erfahren.
Eine sehr spannende Philosophie, wenn man aus der Richtung des Klarträumens kommt und absolute Neutralität sucht. Als Technik finde ich das sehr interessant, nur eben nicht als absolutes Weltbld. Denn auf der anderen Seite wirkt diese Sichtweise auch manchmal etwas phantasielos auf mich, weil aus der Perspektive absoluter Neutralität der Träumer oft auch bis ins Unkenntliche dekonstruiert wird. Da wird es mir dann oft zu viel und wiederum einseitig.
Die Kunst scheint darin zu bestehen, den wertvollen Kern einer Philosophie mitzunehmen,
ohne gleich das ganze Paket zu kaufen. Und zu bewahren was einem wichtig ist.
Die Begegnung mit dieser Philosophie hat mir jedoch deutlich gemacht, wie sehr ich mich geirrt hatte, als ich dachte, nur weil ich Zustände jenseits von Zeit kenne, sei das die Wahrheit.
Als ich neulich ein
Video von Thomas Campbell über Zeit sah, in dem er sagt, dass Zeit durchaus existiert, ist mir etwas aufgefallen: wie leicht man sich selbst auf den Leim geht, wenn eine Erfahrung besonders bedeutsam war. Das muss ich mir merken.
Das heißt ja nicht, dass die Erfahrung von Zeitlosigkeit die ich hatte nicht real ist. Aber sie ist eben eine Erfahrung und nicht automatisch die absolute Wahrheit.
Eigentlich ergibt das sogar sehr viel Sinn: Nur wenn Zeit als Möglichkeit existiert und nicht bloß eine Illusion ist, kann man mit ihr spielen, sie im Traum verändern oder in der Wahrnehmung verschieben.
Man kann ja nicht etwas modifizieren, was es gar nicht gibt.

)