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Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen

Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen
#1
08.09.2026, 14:40 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.09.2026, 14:41 von ichbinmehr.)
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Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen

Ich habe gerade über imaginative Welten nachgedacht und darüber, warum wir mit ihnen gesellschaftlich eigentlich so unterschiedlich umgehen.

Wir lesen Romane, schauen Filme und Serien und lassen uns von Figuren und Welten tief berühren, obwohl wir genau wissen, dass diese Menschen nicht physisch existieren.

Wir lieben sie. Wir leiden mit ihnen. Wir vermissen sie vielleicht sogar, wenn eine Geschichte zu Ende ist.

Manchmal verändern sie unsere Sicht auf uns selbst oder unser Leben.

Und all das halten wir für vollkommen normal.

Niemand würde sagen: „Diese Erfahrung war wertlos, weil dieser Mensch nicht wirklich existiert hat.“

Warum sollte dann aber eine selbst geschaffene imaginative Welt weniger bedeutsam sein?

***

Der entscheidende Unterschied scheint mir gar nicht darin zu liegen, dass sie weniger real wäre, sondern darin, dass sie weniger kollektiv vorstrukturiert ist.

Bei einem Roman hat ein Autor die Welt gebaut.

Bei einem Film oder einer Serie erschafft ein ganzes Team die Figuren, Räume und Geschichten, und ich darf diese fertige imaginative Welt betreten.

Die Gesellschaft hat dafür längst eine Schublade: Kunst, Literatur, Film, Fiktion.

Bei einer eigenen imaginativen Welt bin ich dagegen nicht nur Zuschauerin, sondern zugleich Beteiligte und Mitgestalterin.

Ich darf die Welt selbst entstehen lassen.

***

Und vielleicht macht gerade diese Freiheit sie kulturell ein bisschen verdächtig.

Ich frage mich, ob das auch damit zu tun haben könnte, dass es hier viel weniger vorgegebene Begrenzung gibt.

Ich muss nicht nur eine bereits erschaffene Welt betreten, sondern darf selbst mitentscheiden, was darin möglich ist.

Und vielleicht liegt genau darin nicht nur Freiheit, sondern auch eine mögliche Überforderung.

Denn wenn fast alles möglich wird, braucht es umso mehr die Fähigkeit, zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit zu unterscheiden und sich nicht völlig in der Imagination zu verlieren.

Vielleicht kann eine imaginative Welt also beides sein: ein Raum von Freiheit, Kreativität und Entwicklung – und zugleich, wenn sie nur noch dazu dient, der gemeinsamen Wirklichkeit auszuweichen, auch eine Form von Flucht.

---

Auch einem Kind würden wir seinen imaginären Freund ja nicht einfach wegnehmen, nur weil es ihn „nicht wirklich gibt“.

Wir verstehen, dass diese Beziehung eine wichtige Funktion haben kann.

Warum sollte diese Fähigkeit mit dem Erwachsenwerden plötzlich grundsätzlich bedeutungslos werden?

***

Vielleicht müssen wir tatsächlich aber erst lernen, uns in der gemeinsam geteilten Wirklichkeit sicher zu orientieren und zwischen äußerer Wirklichkeit, Traum, Fantasie und Imagination unterscheiden zu können.

Und vielleicht braucht es dafür auch die Erfahrung von Selbstbegrenzung.

Also die Fähigkeit, nicht jedem inneren Impuls sofort zu folgen, Grenzen anzuerkennen, Frustration auszuhalten und sich innerhalb einer gemeinsamen Wirklichkeit orientieren zu lernen.

Vielleicht entsteht gerade daraus später überhaupt erst die Freiheit, diese Grenzen bewusst wieder zu erweitern – weil man gelernt hat, mit ihnen umzugehen.

Dann wäre imaginative Freiheit vielleicht nicht das Gegenteil von Begrenzung, sondern etwas, das auf der Erfahrung von Begrenzung aufbauen kann.



Dann wäre Imagination keine Flucht aus der Realität, solange man die verschiedenen Ebenen nicht miteinander verwechselt.

Sondern eine Erweiterung dessen, was wir überhaupt als Erfahrung gelten lassen.

Vielleicht ist die interessanteste Frage deshalb gar nicht:

„Ist diese Welt real?“

Sondern:

„Was wird in ihr für mich real möglich?“
***

Info:
Beim Schreiben nutze ich grundsätzlich KI als Werkzeug und kreativen Gesprächspartner – unter anderem für Lektorat, Formulierungen, Strukturierung und zur Reflexion und Weiterentwicklung meiner Gedanken. Der Umfang der KI-Unterstützung kann dabei von Text zu Text unterschiedlich sein. Inhalte, persönliche Erfahrungen, Erkenntnisse, Auswahl und Verantwortung für das Veröffentlichte bleiben meine. Auch bei Bildern nutze ich teilweise KI zur Umsetzung und Weiterentwicklung meiner Ideen.
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RE: Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen
#2
08.09.2026, 22:03
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Mit den Träumen ist es ähnlich! Die werden oftmals als nutzlos abgestempelt, und wer sich damit beschäftigt, "verschwendet halt seine Zeit". Und wer gerne träumt, "flüchtet sich eh nur in seine Traumwelt".
In unserer Gesellschaft hat das Träumen keinen Stellenwert. Und viele haben einfach verlernt, sich mit Träumen zu beschäftigen, oder – schlimmer noch – sie haben es nie gelernt.

Bei der Imagination ist es ähnlich. Es wird nicht als eine Bereicherung gesehen.
Unsere Gesellschaft stellt häufig die Frage: Was bringt das? Es geht um direkt messbare Leistung. Wer in einer Ecke sitzt und vor sich hinträumt, sich in Phantasiewelten begibt oder gar nichts tut, dem wird Faulheit nachgesagt. Da ist noch viel Luft nach oben.


(08.09.2026, 14:40)ichbinmehr schrieb: ...
Vielleicht müssen wir tatsächlich aber erst lernen, uns in der gemeinsam geteilten Wirklichkeit sicher zu orientieren und zwischen äußerer Wirklichkeit, Traum, Fantasie und Imagination unterscheiden zu können.

Und vielleicht braucht es dafür auch die Erfahrung von Selbstbegrenzung.

Also die Fähigkeit, nicht jedem inneren Impuls sofort zu folgen, Grenzen anzuerkennen, Frustration auszuhalten und sich innerhalb einer gemeinsamen Wirklichkeit orientieren zu lernen.

Vielleicht entsteht gerade daraus später überhaupt erst die Freiheit, diese Grenzen bewusst wieder zu erweitern – weil man gelernt hat, mit ihnen umzugehen.
...

Dieser Abschnitt gefällt mir. Denn ja, es ist vieles verloren gegangen, was wir als Gesellschaft neu lernen müssen.
„Verweile, Illusion! Wenn du eine Stimme hast, so sprich zu mir.“
                                                                                                                             - Shakespeare - 

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RE: Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen
#3
09.09.2026, 11:39
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Zitat:Vielleicht ist die interessanteste Frage deshalb gar nicht:

„Ist diese Welt real?“

Sondern:

„Was wird in ihr für mich real möglich?“

Ich empfinde diese letzte Frage als wunderschön thumbsu denn darin liegt für mich auch mein persönlicher Lebenssinn.
Abhängig davon, wie ich auf dieser Welt geboren wurde, ob als Tier, Mensch, Pflanze, ob gesund oder mit einer körperlichen oder kognitiven Einschränkung, sind mir in dieser sogenannten realen Welt verschiedene Grenzen gesetzt. In der Imagionation kann ich darüber hinausfliegen fly
Darin liegt für mich der besondere Reiz von Imagination, (Tag-)Träumen und Klarträumen.
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RE: Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen
#4
09.09.2026, 20:46
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(09.09.2026, 11:39)glider schrieb: Abhängig davon, wie ich auf dieser Welt geboren wurde, ob als Tier, Mensch, Pflanze, ob gesund oder mit einer körperlichen oder kognitiven Einschränkung, sind mir in dieser sogenannten realen Welt verschiedene Grenzen gesetzt. In der Imagionation kann ich darüber hinausfliegen  fly 
Darin liegt für mich der besondere Reiz von Imagination, (Tag-)Träumen und Klarträumen.

Daran schließt sich meine Überlegung als Mensch an. Angenommen, es ist so, Geist schafft Materie, wie innen so außen - was läuft dann im Geist oft anders in der WL-Welt als in der Traumwelt? Dass ich hier z.B. nicht, dort jedoch schon fliegen kann, durch Wände gehen usw.
Ist der Geist nur bedingt zentral(man könnte so einen Schluss ziehen) oder doch grundsätzlich? Sind die physikalischen Grenzen nicht einfach nur meine geistigen?
Klarträumer sind Stehaufmännchen
Kʟᴀʀᴛʀᴀ̈ᴜᴍᴇ sɪɴᴅ ᴇɪɴ Kᴏʀʀɪᴅᴏʀ
Dein stärkster Verbündeter ist dein Unterbewusstsein
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RE: Über die Funktion von Aktiver Imagination bei erwachsenen Menschen
#5
26.09.2026, 04:14 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 26.09.2026, 04:16 von ichbinmehr.)
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Danke für eure tollen Beiträge.

***

@Nuevo

Das bringt mich zu der Frage:

Braucht Imagination überhaupt eine Rechtfertigung durch Produktivität?

Ist zweckfreies inneres Erleben vielleicht selbst ein menschliches Grundbedürfnis?

***

@glider

Zu deinem Beitrag fällt mir ein:

Ist Imagination (oder auch Klarträumen) bloß Kompensation für etwas, das im Wachleben nicht möglich ist — oder besitzt eine solche Erfahrung einen eigenen Wert?

Ganz ehrlich, manchmal hatte ich in der Vergangenheit diese einfache Schwarz-Weiß-Schlussfolgerung gezogen. Ich glaube, weil ich mich auch mit meiner ungesunden Kompensation auseinandersetzen musste.

Heute würde ich jedoch etwas freier darauf schauen.

***

@Laura

Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob „Geist Materie erschafft“, sondern auf welcher Ebene und unter welchen Bedingungen Geist Wirklichkeit strukturiert.

Denn offensichtlich unterscheiden sich Traum und Wachwelt in einem Punkt enorm: Die Wachwelt besitzt eine sehr hohe Stabilität.

Wenn ich morgen aufwache, steht mein Tisch noch da. Und andere Menschen sehen denselben Tisch. Im Klartraum kann sich dagegen schon meine Erwartung unmittelbar auf die Umgebung auswirken.

***

Hier frage ich mich:


Warum ist die Traumwelt psychisch so viel formbarer als die Wachwelt?

Bedeutet die Stabilität der Wachwelt, dass Geist hier keinen Einfluss hat?

Und ist die „gemeinsam geteilte Wirklichkeit“ vielleicht gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie meiner individuellen Vorstellung Widerstand entgegensetzt?

***

Und zum Schluss noch:


Brauchen wir diesen Widerstand vielleicht sogar, damit überhaupt Begegnung mit etwas entsteht,
das nicht ich selbst bin?

Stellt euch mal vor, wir würden uns immer und zu jeder Zeit als grenzenlose Schöpfer der Wirklichkeit erfahren, also wie luzide Träumer mit perfekter Traumkontrolle. Welchen Nachteil hätte das?

***

Meiner Meinung nach hätte das den Nachteil, dass ich kein Feedback hätte.

Dass ich mich vielleicht in meinen eigenen Traumwelten für immer in eine Richtung verlieren könnte.

Ich könnte in eine Art Sackgasse geraten und in alptraumhaften Wirklichkeiten verloren gehen.

Oder es könnte zu einem Stillstand meiner Entwicklung kommen, weil ich mich in einem Scheinfrieden festfahre und niemand käme, um mich anzustupsen und zu sagen:

„Hör mal, dein Frieden ist vielleicht ein art perfekter Zustand.

Aber schau doch mal, was es jenseits dessen noch an Lebendigkeit gäbe.“
***

Info:
Beim Schreiben nutze ich grundsätzlich KI als Werkzeug und kreativen Gesprächspartner – unter anderem für Lektorat, Formulierungen, Strukturierung und zur Reflexion und Weiterentwicklung meiner Gedanken. Der Umfang der KI-Unterstützung kann dabei von Text zu Text unterschiedlich sein. Inhalte, persönliche Erfahrungen, Erkenntnisse, Auswahl und Verantwortung für das Veröffentlichte bleiben meine. Auch bei Bildern nutze ich teilweise KI zur Umsetzung und Weiterentwicklung meiner Ideen.
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