1) Antworten statt Fragen – und die Ambivalenz dazwischen
Ich habe nochmal über das nachgedacht, was du geschrieben hast, besonders über den Punkt, dass du sagst, du hast keine Fragen mehr, sondern Antworten.
Erstmal möchte ich dir sagen: Ich finde das grundsätzlich stark. Wenn jemand für sich an einen Punkt kommt, an dem er Dinge klarer sieht und weniger im Suchen ist, dann ist das für mich nichts Negatives, im Gegenteil.
Und ich nehme dich auch wirklich schon lange so wahr, dass du viele interessante Gedanken hast.
Gleichzeitig gibt es etwas, das ich dir vorsichtig rückmelden möchte, und ich hoffe, du kannst es wirklich als Einladung verstehen und nicht als Kritik.
Denn während du auf der Inhaltsebene von Antworten sprichst, höre ich zwischen den Zeilen manchmal trotzdem etwas anderes mit. Einerseits klingt da viel Klarheit, Stärke und Souveränität, und andererseits schwingt für mich manchmal auch etwas Verletzliches mit, vielleicht auch Hilflosigkeit oder das Gefühl,
nicht wirklich gehört zu werden.
Und ich sage das nicht, um dich abzuwerten.
Denn Hilflosigkeit ist für mich kein Makel und kein Defizit, sie gehört für mich einfach zum Menschsein dazu, und für mich bedeutet es menschliche Größe, wenn man seine Verletzlichkeit kontaktieren und anderen mitteilen kann. Von daher erlebe ich sogar immer dann besondere Menschliche Größe, wenn jemand auchoffen über seine seine Suche spricht und auch seine Ahnungslosigkeit nicht verbergen muss.
Überhaupt ist Ahnungslosigkeit ein vollkommen unterschätzter Zustand. Die Zen-Buddhisten nennen ihn Anfängergeist und deuten ihn als Zustand höchster Erleuchtung.
Manchmal entsteht für mich beim Lesen eine Art Ambivalenz, die ich schwer in Worte fassen kann.
Es wirkt dann so, als wären da durchaus Fragen oder Bedürfnisse, aber sie tauchen nicht als Fragen auf, sondern in Form von Antworten oder Positionen. Und dadurch weiß ich manchmal nicht so richtig, wie ich dir begegnen soll.
Ich merke dann: In mir entsteht Unsicherheit, weil ich mich selbst nicht kompetent genug fühle,
mit so einem Spannungsfeld gut umzugehen.
Ich brauche oft etwas mehr Klarheit: Was genau ist gerade gewünscht? Geht es um Austausch? Um Resonanz? Um Mitgefühl? Um einen konkreten Blick von außen? Oder einfach nur ums Gehörtwerden?
Und dann passiert manchmal bei mir Folgendes: Wenn ich spüre, dass da etwas Schmerz oder Bedürftigkeit mitschwingt, möchte ich natürlich gern hilfreich sein. Aber wenn ich dann einen Schritt näher komme und frage „Was brauchst du? Wie kann ich da sein?“, kommt gelegentlich etwas zurück wie „Ich will ja gar nichts von dir“.
Und dann bin ich ehrlich gesagt manchmal ratlos, weil ich mich in so einem „Komm her – geh weg“-Muster wiederfinde, ohne dass ich weiß, wie ich stimmig reagieren kann.
Ich möchte dir deshalb einfach transparent sagen: Es ist keine böse Absicht, wenn du dich von mir manchmal nicht richtig verstanden fühlst. Ich glaube wirklich, dass ich gute Absichten hatte und dich unterstützen wollte.
Ich brauche aber manchmal mehr innere Klarheit von meinem Gegenüber, oder sagen wir eine genauere Auftraglage damit ich nicht an der eigentlichen Intention vorbeirede. Und ja – offenbar ist mein Beitrag diesmal an dir vorbeigegangen.
Und ich frage mich, ganz ehrlich und ein bisschen frech: Hätte ich in der Situation überhaupt irgendwas sagen können, das für dich stimmig gewesen wäre?
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Nun zu Punkt 2) - was Religionen wirklich versprechen
Zitat:Likeplacid sagt: Die vollständige Erlösung von Qualen der Psyche zu versprechen wäre quasi religiös. Dies wird vor allem vom Buddhismus versprochen. Auch das Christentum macht Versprechungen.
Ich möchte an der Stelle gerne noch etwas differenzieren, weil ich mir nicht sicher bin, ob in religiösen Konzepten wie Buddhismus oder Christentum wirklich eine so absolute und dauerhafte Erlösung vom Leiden versprochen wird, wie es manchmal verstanden wird.
Denn da liegt für mich ein Paradox: Auf der einen Seite gibt es Texte, Bilder und Erzählungen, die nach vollständiger Befreiung klingen, und ich verstehe daher wie du zu dieser Aussage kommen magst. Auf der anderen Seite wird zum Beispiel Christus mit einem blutenden, brennenden Herzen dargestellt. Also nicht als jemand, der „nichts mehr fühlt“, sondern als jemand, der bis in die Tiefe berührbar bleibt.
Jesus wurde ans Kreuz genagelt, von seinen Liebsten verraten, beschämt, erniedigt, entwürdigt.
Und selbst Buddha, also jemand, der als erwacht gilt, startet nicht mit einer Heilsphantasie, sondern mit einer radikalen Realität: „Leben ist Leiden“.
Die erste Edle Wahrheit in der buddhistischen Lehre ist keine Erlösungswerbung, sondern eine Diagnose:
Geburt, Altern, Krankheit, Verlust – und das alles gehört zum Menschsein. Der Buddhismus spricht also nicht nur von Befreiung, sondern zuerst einmal davon, dass Leid real ist.
Ich stimme dir insofern zu, dass viele Menschen Religion oder Spiritualität so lesen, als wäre das Ziel eine endgültige Erlösung vom Leid, wie ein „Endzustand“, in dem nichts mehr wehtut. Aber ich glaube, das ist eben auch eine Frage der Interpretation und spirituellen Tiefe. Ein Mensch, der das so einseitig behauptet, den würde ich nicht als erleuchtet ansehen, denn der verleugnet ja einen Teilaspekt der Wirklichkeit.
Wenn man selbst innerlich in dieser Hoffnung unterwegs ist,
wird man jeden spirituellen Weg so verstehen.
Ich glaube, du beschreibst an der Stelle vor allem deine eigene Deutung dieser Religionen, also wie du sie persönlich verstehst und für dich einordnest. Und das kann ja auch eine Funktion haben, gerade wenn du aus psychologischer Sicht nach stimmigen Erklärungen suchst.
Nur: Das, was du daraus ableitest, ist eher deine Deutung, und es entspricht so nicht der Lehre dieser Religionen.
Und wenn man aber die Möglichkeit zulässt, dass diese völlige Erlösung vielleicht gar nicht so erreichbar ist,
dann liest man dieselben Traditionen plötzlich anders.
Gerade im Buddhismus gibt es ja die zentrale Lehre des Mitgefühls, und zwar nicht nur als moralische Haltung, sondern als inneren Weg: Mitgefühl mit sich selbst, mit allen fühlenden Wesen und mit dem Leid, das man in sich trägt und in der Welt sieht.
Psychologisch könnte man sagen: Das ist auch eine Form von Coping-Strategie oder emotionaler Regulation, eine Fähigkeit, Leid zu halten, ohne daran zu zerbrechen.
Und das klingt für mich nicht nach „Ich bin erlöst und habe mit Leid nichts mehr zu tun“, sondern eher nach: Ich werde in meinem Menschsein so stabil und so weich zugleich, dass ich Leid nicht mehr vermeiden muss.
Ich glaube überhaupt, dass es verschiedene Vorstellungen von Erleuchtung gibt, und dass viele populäre Bilder davon eher vereinfachte Versionen sind. Sozusagen: spiritueller Populismus und gefährliches Halbwissen.
Diese Idee: „Einmal erwacht – und dann für immer frei von allem.“ Das wird gern gefeiert, weil es Hoffnung macht. Aber in der Tiefe ist es wahrscheinlich nicht so haltbar.
Es gibt ja nicht umsonst diesen Satz: „Nach der Erleuchtung kommt die nächste Erleuchtung.“ Und ich habe von vielen der ehrlichsten spirituellen Menschen gehört, dass sie genau das sagen:
Dass es diesen Zustand von völliger, dauerhafter Leidfreiheit vielleicht als Erlebnis gibt, als temporären Samadhi-Zustand, aber nicht als endgültige Lebensform, als ob man dann wie ein unzerbrechlicher Superheld nicht mehr vom Leid berührt wird.
Man kann temporär in Zustände eintreten, in denen sich alles frei anfühlt – Samadhi, Weite, Stille, Einheit.
Ja, das gibt es – aber Erleuchtung ist mit diesen Zuständen nicht gleichzusetzen.
Es gilt ja, in den 4. Zustand zu gelangen Turiya, den Zustand vor allen diesen Erscheinungen.
Ein Zustand von Samadhi, Glückseligkeit, Frieden, Leidfreiheit ist immer noch eine Erscheinung im Traum, immer noch ein Traumereignis, eine Traumgeschichte und deshalb noch nicht Erleuchtung.
Erleuchtung (Turiya)ist vor allem.
Vor allen Erscheinungen – und somit auch vor dem Frieden oder Unfrieden.
Und wenn man das verstanden hat, blickt man auch diese Zustände von Leidfreiheit als vergänglich.
Alles, was auftaucht, vergeht wieder. Und deshalb ist für mich die entscheidende Frage nicht: Wie komme ich für immer aus dem Leid raus? Sondern eher: Wie kann ich als Mensch mit dem, was in mir lebt, so umgehen, dass ich nicht ständig davon überwältigt werde?
Und genau da sehe ich, dass Religionen viel mehr enthalten als nur die Idee der endgültigen Befreiung. Es gibt darin auch sehr viele Wegbeschreibungen: Wie gehe ich mit Angst um? Wie mit Schuld? Wie mit Ohnmacht? Wie mit Schmerz? Wie mit Mitgefühl? Wie mit Vertrauen? Wie mit meiner Menschlichkeit?
Manchmal wirkt diese große Erlösungs-Vorstellung auf mich tatsächlich wie eine Art „Karotte“, die man dem Esel vor die Nase hält. Denn viele Menschen (mich eingeschlossen) hätten sich ohne diese Hoffnung möglicherweise nie auf den Weg gemacht.
Ohne Klarträumen hätte ich mich nie auf den Weg gemacht.
Erst die Idee, dass Erlösung überhaupt möglich sein könnte,
machte den Weg für mich überhaupt denkbar.
Nur: Ich habe persönlich niemanden getroffen, bei dem ich wirklich sagen würde: Das ist ein Mensch, der absolut und vollständig erlöst ist. Keinen. Nicht einen.
Deshalb heißt es ja auch: Wenn du Buddha triffst, töte ihn. Wenn du jemanden triffst, der sich vollständig mit Befreiung identifiziert, dann bitte hau den aus dieser Idee wieder raus, weil das eine Anhaftung an eine Idee ist.
Ich habe mir viele „Erleuchtete“ angeschaut – und keinen Buddha gefunden, der in diesem absoluten Sinn vollkommen erlöst wäre. Jeder hat auf seine Weise sein Kreuz getragen. Jeder hatte eine Leidensgeschichte, die nicht einfach automatisch „leer“ wurde, nur weil jemand spirituell weit war.
Vielleicht haben diese Menschen Wege gefunden, mit dem Leid anders umzugehen, durch Jahre der Selbstbeobachtung, der Meditation, der Selbsterkenntnis, durch Training, durch innere Disziplin, durch Psychotherpie. Aber das ist kein spiritueller Schnellschuss.
Dann ist das eine Lebensleistung.
Vielleicht sogar (falls es das gibt) die Leistung aus mehreren Leben.
Ich habe viele Menschen gesehen, die außergewöhnliche Einsichten hatten, tiefe Zustände kannten, große Präsenz ausstrahlten – aber niemanden, bei dem das Menschsein „weg“ war.
Und falls man so jemanden findet: Dann ist da häufig nicht Integration, sondern Abspaltung.
Und wo Abspaltung ist, entsteht Machtgefälle. Und wo Machtgefälle ist, entsteht früher oder später ein Risiko: Idealisierung, Abhängigkeit, Grenzverletzungen. Manche fallen dann irgendwann auf, weil sich Schatten nicht dauerhaft verstecken lassen, sei es durch narzisstische Dynamiken, durch Übergriffigkeit oder durch Formen von spirituellem Missbrauch.
Und genau deshalb vertraue ich eher den Lehrern und Meistern, die ihre Menschlichkeit nicht verstecken müssen. Die nicht so tun, als wären sie unberührbar und schon vollkommen.
Sondern die so ehrlich sind zu sagen: Ja, da ist Stille. Ja, da ist Freiheit. Ja, das ist ein Zustand des Friedens, den ich kontaktieren kann. Und ja – da ist auch weiterhin Menschsein. Auch ich erlebe weiterhin Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schmerz.
Und ich traue keinem Buddha, der diese Ebene des Menschseins nicht auch verkörpern kann. Denn sonst wird Spiritualität schnell zur Flucht: zum Versuch, über das Leid hinwegzukommen, statt ihm wirklich zu begegnen.
Ich erinnere mich an einen Tantralehrer, den ich mal eine Zeit lang verfolgt habe. Er sagte in einem Interview, er sei über 20 Jahre in einem Erleuchtungszustand gewesen, in einem Zustand jenseits des physischen Körpers, und er dachte, er hätte es geschafft und sei frei – und dann sei er da nach 20 Jahren da wieder herausgefallen. Und er hat erkannt, er hat sich geirrt. Das war es noch gar nicht. Und daraus habe er etwas Entscheidendes gelernt: Dass für ihn das Menschsein der höchste spirituelle Zustand ist.
Weil nur jemand, der mit seinem Menschsein im Frieden ist, wirklich frei ist.
Und das führt für mich zu einer weiteren Konsequenz: Es wird letztlich fast egal, ob man religiös oder atheistisch auf diese Themen schaut. Denn dem Menschsein müssen wir ohnehin begegnen. Wir können nicht am Leid vorbei – nicht durch Spiritual Bypassing. Wir müssen dem Leid in uns begegnen.
Und das ist auch auf jedem ernsthaften spirituellen Weg so.
Aber dann stellt sich die nächste, sehr praktische Frage:
Wie begegne ich dem Leid in mir, ohne von ihm vereinnahmt zu werden?
Und da möchte ich einen eigenen Punkt aufmachen
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