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Das Gelingen und das Gewinnen

Das Gelingen und das Gewinnen
#1
28.04.2021, 14:48
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(Einfall zu  Wittgenstein "The Big Typescript" Kapitel 56) Zum Gewinnen braucht man eine zweite Person. Zum Gelingen braucht man keine zweite Person. Aber manchmal kann man das Gelungene (z.B. ein Kuchen)  einer zweiten Person präsentieren. Dies kann aus dem Motiv geschehen dieser zweiten Person zu imponieren oder eine Forderung dieser Person zu befriedigen. Spielen kann man allein, insbesondere Videospiele.  Beim Spielen kommt es aber aufs Gewinnen an. Daher funktionieren Videospiele auch nur dann "als Spiel" wenn man die virtuellen Spielpartner, die in vielen Spielen eingebaut sind akzeptiert und so tut, als seien es soziale Objekte. Beim Spielen gibt es Gewinner und Verlierer. Wer nicht gern verliert, der darf nicht spielen. Aber wer verliert schon gern? Bei einem psychisch gesunden Menschen entsteht beim Verlieren kein großer Verdruss, kein großes Leid. Er freut sich für den Gewinner mit. Er ist mit dem Gewinner identifiziert, denn der Gewinner ist sein Freund. Wenn Nicht-Freund oder sogar Feinde miteinander spielen ist das kaum möglich, insbesondere wenn man mit einem Feind spielt. Wenn Menschen spielen, dann hat es meistens einen geselligen Hintergrund. Es scheint Menschen eine Lust zu bereiten Regeln zu befolgen. Es liegt ein Reiz darin gemeinsam an die gleichen Regeln zu glauben und sich ihnen gemäß zu verhalten. Das gilt auch für die Logik, und für die Sprache. Die Entstehung der Sprache ist ja schon so lange her, dass niemand sich noch vorstellen kann, dass ihre Regeln irgendwann man festgelegt wurden. Vielleicht wurden sie das auch gar nicht. Vielleicht sind diese Regeln plötzlich da gewesen und wurden - von Anfang an - mehr oder weniger unbewusst befolgt. Ich folgte den Regeln der Grammatik so lange unbewusst, bis ich in der Schule mit "Genitiv" konfrontiert wurde, was mich zunächst sehr verwirrte. Ich brauchte einige Jahre um mich von dem Schock zu erholen. Das Bewusstwerden von Regeln, die man schon kennt kann unangenehm sein. Anders kann ich diese traumatische Erfahrung des scheinbaren Nicht-Verstehens nicht interpretieren. Es ist ja ganz einfach was Genitiv ist, aber ich verstand es in der Grundschule noch nicht. Und warum? Weil ich nicht wusste was das soll. Ein Junge, den ich kannte, und der ansonsten schlechter als ich war in der Schule verstand den Genitiv sofort. Auch im Sozialverhalten gibt es Regeln, und nur die wenigsten Leute machen sich über diese Regeln Gedanken. Viele Leute wissen aber durchaus, dass es Regeln gibt. Diejenigen, die nicht wissen, dass es Regeln gibt, die das soziale Verhalten steuern, befinden sich mehr oder weniger in einem Zustand der Unschuld.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#2
28.04.2021, 18:50
Zitat:Aber manchmal kann man das Gelungene (z.B. ein Kuchen) einer zweiten Person präsentieren.

Da hilft mir oft Innere Kind Arbeit. Ich backe eine Kuchen und dann lobe ich mich. Wow den Kuchen hast du ja super gebacken. Du bist eine gute Bäckerin. Das Innere Kind freut sich. Ich gebe mir selbst Berührungen. Schlage mir anerkennend auf die Schulter, umarme mich oder belohne mich mit etwas. Wenn ich das als KInd erhalten hätte, dann müsste ich das nicht machen, aber ich muss an ganz vielen Stellen Liebe nachträglich geben.

Zitat:Dies kann aus dem Motiv geschehen dieser zweiten Person zu imponieren oder eine Forderung dieser Person zu befriedigen.

Bei manchen Dingen allerdings versagt das der Innere Erwachsene, weil er ganz elementare Erfahrungen, um eine gute Mutter, ein guter Vater zu sein, selbst nicht gemacht hat. Dann muss eine Fremdregulation her.
Ich brauche jemanden der mir mal das ... gibt damit ich die Erfahrung machen kann.

Zitat:Spielen kann man allein, insbesondere Videospiele. Beim Spielen kommt es aber aufs Gewinnen an. Daher funktionieren Videospiele auch nur dann "als Spiel" wenn man die virtuellen Spielpartner, die in vielen Spielen eingebaut sind akzeptiert und so tut, als seien es soziale Objekte. Beim Spielen gibt es Gewinner und Verlierer. Wer nicht gern verliert, der darf nicht spielen. Aber wer verliert schon gern?

Es gibt auch Spiele die Gewinnen und Verlieren nicht so schwarz weiß darstellen. Im Kindergarten denke ich da zum Beispiel an Brettspiele, wo alle gemeinsam gewinnen. Obstgarten zum Beispiel. Wenn alle Früchte pflückt sind gewinnen alle gegen den Raben. Oder alle verlieren gegen den Raben.

Auch am PC gibt es ein ganzes Genre dazu: Koop Spiele. Viele Sandbox Spiele bauen auf Kooperation, statt Gegnerschaft. Aber auch bei Shootern wie Reinbow Six oder Ghost Recon kann man gemeinsam als Gruppe gegen die KI spielen.

Wenn man immer zwischen entweder Gewinnen (oben sein) und Verlieren (unten sein) hin und her pendelt, dann fehlt die Erfahrung eines weiteren Spielraums, wo kooperative Erfahrungen gemacht wurden. Also statt einem Gewinnen/Verlieren Spiel, ein kreatives Spiel wo sich jeder schöpferisch einbringen kann.

Zitat:Bei einem psychisch gesunden Menschen entsteht beim Verlieren kein großer Verdruss, kein großes Leid. Er freut sich für den Gewinner mit. Er ist mit dem Gewinner identifiziert, denn der Gewinner ist sein Freund.

Ich bin natürlich auch von diesem Gewinner vs Verlierer, schwarz weiß Denken ohne Alternativen geprägt. Dein Thema passt auch gerade herrlich zu meinem Thema, welches ich heute in meinem TTB bearbeitet habe.

Ich identifiziere mich chronisch mit den Verlierern, weil ich die Gewinner oft als Unterdrücker der Verlierer wahrnehme. Die Gewinner haben immer auf meine Kosten gewonnen. So folge daraus, dass ich chronisch an die Verlierer denken musste, weil ich mich ja selbst sah.

Wer sich mit chronisch mit den Gewinnern identifiziert, hat aber genauso ein Täterintrojekt. Da gibts nen super Vortrag von Jochen Peichl Namens: Der Schatten des Täters im Selbst. (Netzwerk Auditorium)

Täter und Gewinner in einem Atmenzug nenne ich nur, wenn da keine Spielräume sind. Nichts gegen ein Spiel. Nichts gegen eine gute Leistung. Nicht gegen Anerkennung einer guten Leistung. Aber wenn alles immer nur auf Konkurrenz basiert, dann ist das kein Ausdruck von Harmonie. KInder treten ja auch oft über Spiel Beziehung. gerade Jungs lernen häufig dass sie nur über Konkurrenz und Leistung emotionale Reaktionen ihrer Väter hervorkitzeln können. Viele Männer haben nie gelernt auf andere Weise in Beziehung zu treten. Manchmal sehe ich mich genötigt da mitzuspielen, obwohl mir das gar nicht entspricht.

Ich suche immer noch den Weg da raus. Weder Opfer noch Täter. Weder Gewinner noch Verlierer. Lieber einfach nur Mensch. Aber geh mal offenherzig auf Menschen zu die es nicht gewohnt sind, sich sich offen zu verletzlich zu zeigen. Man begegnet vielen erstarrten Menschen.

Aber ich habe so viele schmerzlicher Erfahrungen in mir, die mit Bewertung von Leistung zu tun haben, dass das gar nicht so einfach ist, andere Spielräume zu sehen. Ich würde mich mal gerne dafür öffnen, welche anderen Spielräume es da gäbe. Ich glaube das ist nichtmal das Problem, sondern Mitspieler zu finden.

Bei PC Spiele, wie gesagt, kann ich ein kreativ schöpferisches Koop Spiel wählen. Aber wie das so gesamtgesellschaftlich gehen soll, solange unser ganzes System auf Leistung und Wettbewerb basiert, weiß ich noch nicht. Wenn man Glück hat, hatte man Eltern die dir wenn du ne schlechte Note geschrieben hast, gesagt haben, macht dir nichts draus. Es ist nicht wichtig. Ich bekam dann noch mal Ärger. Die Verletzung über die Zurückweisung einer schlechten Leistung sitzt so tief. Immer wieder krass wie die ganzen Traumata in einem wirken.

Gewinnen vs Verlieren ist Integral gesehen auf der Ebene von Rot und Blau angesiedelt. Rot setzt sich gewalttätig durch. Blau hat dafür Regel. Ab Orange das Schöpferische und ab Grün der kreative Prozess. Kreative auf Kooperation basierende Spiele kann man also nur mit Menschen ab einem gewissen Mem spielen.

Zitat:Es scheint Menschen eine Lust zu bereiten Regeln zu befolgen.

[Bild: SpiralDynamics-Kulturentwicklung-Teament...ratung.jpg]

Auf der Ebene von Blau ja.
Rot kann sich noch nicht an Regeln halten.
Orange definiert Regeln selbst. Orange ist total auf Leistung und Gewinnen versessen.
Grüne will sich nicht mehr an Regeln halten.


Zitat:Auch im Sozialverhalten gibt es Regeln, und nur die wenigsten Leute machen sich über diese Regeln Gedanken. Viele Leute wissen aber durchaus, dass es Regeln gibt.

Ich hab mir da sehr viele Gedanken drüber gemacht, weil ich 20 Jahre lang Kinder in Regeln hinein konditioniert habe. An der Stelle bin ich ja Fachidiot. Passe genau ab, wo ich wann und wie den Anker setzte.
So ist mir auch meine eigenen Konditionierung dadurch sehr bewusst geworden.

Zitat:Diejenigen, die nicht wissen, dass es Regeln gibt, die das soziale Verhalten steuern, befinden sich mehr oder weniger in einem Zustand der Unschuld.

Ja auf der Ebene von Rot und tiefer ja. Auf Blau werden regeln gelernt. Auf Orange bewusst hinterfragt und selbst geschöpft. Ab Grün werden Regeln bewusst in Frage gestellt. Also man kann sich an Regel halten, aber man will nicht mehr. Jetzt noch mal im Vergleich zu Rot. Rot kann sich noch nicht an Regeln halten.

Ist auch ne spannende Sache bei den Corona Maßnahmen Gegnern. Wer von denen kann sich nicht an Regeln halten udn wer will nicht mehr?
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#3
28.04.2021, 21:20
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Zitat:Grün will sich nicht mehr an Regeln halten.


Wenn Orange für Pubertät steht, dann würde ich eher sagen: Orange will sich nicht mehr an Regeln halten, und zwar möchten Heranwachsende von ca. 12-18 Jahren sich nicht mehr an die Regeln ihrer Eltern halten. Das ist völlig normal. Das dient der Loslösung von den Eltern, die ja irgendwann kommen muss. Wenn diese Loslösung erfolgt ist werden eigene Kinder fabriziert und denen macht man dann Vorschriften (d.h. man drückt ihnen Regeln auf, die sie bereitwillig befolgen bis sie 12 sind).

Ach ja, es soll ja eine Phase geben, zwischen 2 und 4 Jahren, wo Regeln auch schon hinterfragt werden. Das Trotzalter.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#4
28.04.2021, 23:04
Ganz so ist es nicht. Es ist ein Wertemodell, kein rein entwicklungspsychologisches Modell.

http://gott90.de/gott-9.0-deutsch/stufen
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#5
29.04.2021, 16:05
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Verbote und Vorschriften regulieren das Verhalten. Je mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben, desto notwendiger werden Verbote und Vorschriften. Die innere Natur des Menschen ist zügellos, aber da gibt es durchaus individuelle Unterschiede in der Veranlagung.

Was würde es bedeuten, wenn Millionen von Menschen sich an Vorschriften und Verbote des Staates nicht mehr halten würden? Es wäre die Anarchie. Was bedeutet es, dass Millionen sich an Vorschriften und Verboten des Staates nicht mehr halten wollen? Vielleicht bedeutet es gar nichts. Oder vielleicht bedeutet es bei manchen etwas. Vielleicht führt dieser Zustand, sich nicht mehr an Vorschriften und Verbote des Staates halten zu wollen, es notgedrungen (wegen der Strafandrohung) aber dennoch zu tun, dass sich Geisteskrankheiten (Neurosen, Psychosen)  oder "psychosomatische Krankheiten" entwickeln. 

Gibt es ein Verfahren mit dem man messen kann wie viele Menschen in einer Gesellschaft die Gesetze und Vorschriften des Staates nicht mehr befolgen wollen? Falls ja, gibt es solch ein Messverfahren auch für frühere Gesellschaften? Kann man irgendwas über die Gesetzestreue und Gesetzesergebenheit in früheren Jahrhunderten aussagen? Ich spreche hierbei von wissenschaftlich ernstzunehmenden Aussagen.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#6
29.04.2021, 17:52
Ich stimme dir da zu. Man stelle sich einen Straßenverkehr ohne Regeln vor.

Ich finde sehr wichtig zu unterscheiden, ob sich Menschen anarchistisch und gewaltvoll gegen die Regeln des Staates richten, oder ob Menschen mit demokratischen Mitteln Regeln verändern wollen, wie diese nicht mehr Zeitgemäß sind.

Ich glaube der Zeitgeist verlangt auch, dass wir uns zu einer Demokratie auf Augenhöhe hin entwicklen. Deshalb muss es auch Kritik am bisherischen demokratischen System geben. Jedoch nicht im Sinne eine Demokratierfeindlichkeit, eher im Sinne eines Bestrebens nach einer Demokratie 2.0.

Zu oft werden mir unterschiedliche Beweggründe undiffernziert in eine Tonne geworfen.

Zitat:Vielleicht führt dieser Zustand, sich nicht mehr an Vorschriften und Verbote des Staates halten zu wollen, es notgedrungen (wegen der Strafandrohung) aber dennoch zu tun, dass sich Geisteskrankheiten (Neurosen, Psychosen) oder "psychosomatische Krankheiten" entwickeln.

Ja ich glaube auch. Traurig.

Oder ginge es anders?
Vielleicht? Jedoch müssten wir dann in einer Idealwelt leben. Wo gibt es die?

Früher hatte ich solche Ideale. Ich habe versicht so eine Idealwelt zu bauen indem ich Kinder in meine idealen Werte hineinerzogen habe. Leider habe ich die Rechnung ohne die Erwachsenen gemacht. biggrin

Vielleicht gibt es einen machbaren Mittelweg dazwischen, die Welt wie sie ist mit ihrer Gewalt und Unterdrückung anerkennen zu müssen?

Gleichzeitig kann man vielleicht stetig an seiner Idealwelt bauen und etwas damit bewegen?
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#7
29.04.2021, 19:08 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.04.2021, 19:18 von ichbinmehr.)
Manche Menschen hatten während sie ihr Weltbild gebildet haben, keine Spielräume in denen sie Alternativen erfahren haben. So kennen sie keine Alternativen zu A sich an Regeln halten und B keine Regeln. Es gibt aber eine ganze Menge Alternativen. 

Ich zb stelle die Demokratie (also die Regeln) durchaus in Frage. Jedoch nicht weil ich denke, wir brauchen keine Regeln, sondern weil ich die Regel entsprechend meiner Ethik verändern möchte.

Ein Beispiel wie ich mir das Vorstelle, zeigt sich in dieser Doku, in der es um die Demokratie 2.0 geht. Es geht um eine Demokratiestruktur die mehr Teilhabe und Mitbestimmung für den Bürger erlauben würde.



Das mit der Demokratie ist nur ein Beispiel für viele Themen, wo wir oft keine Spielräume sehen, obwohl es diese gäbe. Das Fehlen von Spielräumen ist typisch für die blaue Stufe.

Wer Regeln erst noch lernen muss, zb Rot der braucht klare und eindeutige Regeln.
Deshalb ist blau so absolutistisch.

Wer die einfachen Regeln gelernt hat, wird sich automatisch zur nächsten Stufe hin entwicklen.

Aus du sollt nicht töten (blau)
wird bei (grün) eine indviduelle Auseinandersetzung mit Sterbehilfe.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#8
01.05.2021, 10:16
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Der Einführungsthread war von Ludwig Wittgenstein inspiriert. Ihn darf ich nur eingeschränkt zitieren. Das ist bei Hegel anders. Von ihm habe ich einen Satz gefunden, der gut zum Thema passt. Er ist dem Text "Das Kunstwerk als Produkt menschlicher Tätigkeit" entnommen: 

Zu  einer  Fertigkeit  hierin  verhilft  keine  Begeisterung,  sondern  nur
Reflexion, Fleiß und Übung. Solcher Fertigkeit aber ist der Künstler benötigt, um
des äußeren Materials sich zu bemeistern und durch die Sprödigkeit desselben
nicht gehindert zu werden.

https://www.textlog.de/3642.html

Ich dachte ja eher es ist umgekehrt. In der modernen Kunst scheint es jedenfalls so zu sein, dass die Begeisterung wichtiger ist als Reflexion, Fleiß und Übung. Da sieht man wie sehr sich der Kunstbegriff seit Hegels Zeiten geändert hat.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#9
01.05.2021, 12:55
Zitat:Ich dachte ja eher es ist umgekehrt. In der modernen Kunst scheint es jedenfalls so zu sein, dass die Begeisterung wichtiger ist als Reflexion, Fleiß und Übung.

Dachte ich auch.

Vielleicht gibt es unterschiedliche Zugänge?
Wie erlebst du das?
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#10
22.03.2024, 00:18
Wittgenstein bemerkt im 56. Kapitel von "The Big Typescript", dass es nicht immer sinnvoll ist eine bestimmte Regel zu befolgen. Er macht da was ziemlich interessantes. Er vergleicht das Befolgen der Regeln der Grammatik mit dem Befolgen von Regeln bei einer Tätigkeit, wie z.B. Kuchenbacken und Eierkochen. Das wollte ich nur noch hinzufügen, damit ihr wisst, um was es im 56. Kapitel ungefähr geht und wie ich dazu kam, dass zu schreiben, was ich im Einführungsthread geschrieben habe. Aber ich muss zugeben. Nicht jedem wäre das dazu eingefallen. Es wäre wahrscheinlich jedem was anderes dazu eingefallen. Aber es liest ja leider kaum einer, und zwar weil kaum einer weiß, dass es überhaupt existiert. Es ist erst in den 90er aus dem Nachlass von Wittgenstein zusammengestellt und veröffentlicht worden. Daher beziehen sich die meisten Leute, die über Wittgenstein reden immer noch primär auf den spröden und unverständlichen "Tractatus" und auf die relativ langweiligen "Philosophischen Untersuchungen"

https://de.wikipedia.org/wiki/The_Big_Typescript

https://www.perlentaucher.de/buch/ludwig...nd-11.html
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#11
22.03.2024, 01:15
Ich weiß im Grunde überhaupt nicht, was das Anliegen von Wittgenstein gewesen ist. Er fand die Sprache merkwürdig. Aber andere Sachen komischerweise nicht. Obwohl mir sein Denken fremd ist, finde ich es trotzdem hin und wieder schön im "Big Typescript" zu lesen.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#12
22.03.2024, 03:09
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Das Wort "Gewinner" hat unterschiedliche Bedeutungen. Ich bin nach eingehender Analyse überrascht wird verschieden sie sind:
1. Ein Gewinner ist jemand, bei einem Wettbewerb den ersten Platz belegt. In manchem Wettbewerben (Leichtathletik, Formel 1) gelten die Beleger der ersten drei Plätze als Gewinner. 
2.) Ein Gewinner ist jemand, der bei einem Glücksspiel den ausgesetzten Preis bekommt, oder, falls mehrere Preise ausgesetzt sind, einen der Preise. 
3.) Ein Gewinner ist jemand, dem alles gelingt. Was er auch versucht, es läuft alles so, wie er sich vorgestellt hat. Im Grunde gibt es für ihn also gar kein "Versuchen," sondern nur ein "Machen". 
4.) Ein Gewinner ist jemand, der sich durch Fehlschläge nicht unterkriegen lässt. Er versucht es immer wieder, bis ihm sein Vorhaben endlich gelingt. 

Diese Bedeutung haben zweifellos einiges gemeinsam. Es ist also kein so eindeutiges Homonym, wie etwa "Tau" (Tau = Seil; Tau = leichter Niederschlag). Man könnte bei Tau von einem starken Homonym sprechen und bei Gewinner von einem schwachen Homonym. 

Ich frage mich nun: wieso belegt man derart verschiedene Dinge mit dem gleichen Wort? Das ist besonders deshalb fatal, weil es aufgrund des ähnlichen Bedeutungsgehalts leicht zu Verwechslungen kommen kann, oder zu Unklarheiten. Angesichts der Tatsache, dass manche sinngleiche Bedeutungen sogar mit mehreren Worte belegt werden (wie etwa schlau, intelligent, klug) frage ich mich, wieso das so ist. Ich vermute, dass die Sprachgemeinschaft manche Bedeutungen gern verschleiert, damit sich jeder "das seine" dabei denken kann. Das kann durchaus nützlich sein. Wenn einer von Gewinnern redet, dann redet er somit insgeheim auch von Verlierern. Darin liegt ein sozialer Sprengstoff oder zumindest das Potential zwischenmenschliche Konflikte. 

Ich frage mich nun, ob mir dieser Beitrag gelungen ist. Falls ja, bin ich dann ein "Gelinger"? Aber das Wort gibt es im Deutschen ja nicht. Warum nicht? Weil die Sprachgemeinschaft nicht damit einverstanden ist. Wie kommt die Sprachgemeinschaft zu ihren Urteilen? Wieso verurteilt sie das Wort "Gelinger" und subventioniert das Wort "Gewinner"?
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#13
22.03.2024, 06:20
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Interessante Gedanken und Fragen zu der Thematik.

Ich dachte bisher, das habe was mit der Sprache, der Sprachentwicklung selbst zu tun.

Diese ist jedoch ein Ausdruck des Bewusstseins.

Differenzierungen lassen sich erst vornehmen, wenn hierfür das Bewusstsein vorhanden ist, dann kann man für solche Dinge neue Worte erfinden.

Interessant aber auch, dass sich Sprache an unterschiedlichen Orten ähnlich entwickelt hat, also ein Ausdruck des sich entwickelnden Bewusstseins?

Die Frage ist aber wirklich, in welchem Bewusstsein man leben bzw. auch gehalten werden soll, was man glauben soll, was dienlich ist.

Dies wird staatlich vermittelt, fängt in der Kita an, geht über die Schule und Ausbildung, Uni weiter.

Mittlerweile sind ja die Abläufe eines Universitätsstudiums strenger geregelt.

Ich frage mich, ob man an der Uni früher (90 er - 2000 er Jahre) noch mehr zu selbständigem Denken angeregt wurde?

Irgendwie dreht es sich auch beim Gewinnen wieder um die Leistungsgesellschaft.

In der Schule ist das Kämpfen miteinander und gegeneinander im Sport regelmäßig Thema.

Das Abwerfen bzw. Bewerfen des Gegners findet als Auftrag bzw. evtl. im Lehrplan (?) des Sportunterrichts regelmäßig statt: Zombieball, Gefängnisball, Völkerball
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#14
22.03.2024, 10:58
[+] 1 User sagt Danke! Schuhbewegtsich für diesen Beitrag
(22.03.2024, 03:09)Likeplacid schrieb: Wenn einer von Gewinnern redet, dann redet er somit insgeheim auch von Verlierern. Darin liegt ein sozialer Sprengstoff oder zumindest das Potential zwischenmenschliche Konflikte...

Wie kommt die Sprachgemeinschaft zu ihren Urteilen?...

Wenn du dir Teil und Ganzes z.B. vorknöpfst, kannst du das Teil nicht ohne das Ganze und das Ganze nicht ohne das Teil bestimmen. Insofern ist das Ganze (insgeheim  wink1) auch nur ein Teil des Ganzen, und das Teil enthält das Ganze in sich. Ich sehe es wie du, aus einer weniger sprachwissenschaftlichen Perspektive, beim Gewinnerthema geht es um einen „sozialen Sprengstoff“. Stell dir das psychologische Urteil der „niedrigen Frustrationsschwelle“ „niedrigen Toleranzschwelle“ vor, die sich z.B. auf Aggressionsausbrüche bezieht. Ein Superstar kann ganze Hotelzimmer zerstören, obendrauf den Kellner oder die Kellnerin beleidigen, oder dumm anmachen, und niemand wird ihm eine niedrige Frustrationsschwelle bescheinigen, denn alle Welt will den Typen sehen und viel Geld ist im Umlauf. Wenn du aber 1500 Euro netto verdienst, deine Freizeit an der Spielekonsole verbringst, ab und zu mal in eine Kneipe zu einem Bier gehst, und wenn es dir dort einfallen sollte, einen Teil der Kneipe zu demolieren vor lauter Zorn, dann geht es ab in die Therapie, um an deiner niedrigen Toleranzschwelle (über dein Loser-Leben) zu arbeiten. Dabei entsteht möglicher Weise auch ein Teufelskreis, denn du wirst aus dem bisschen Leben, in deine Stammkneipe zu gehen, noch ausgeschlossen, kriegst einen schlechten Ruf etc.. Während der Gewinner/Superstar nach wie vor hofiert wird, sogar noch mehr hofiert wird, weil das Personal dazu angehalten ist, ihn besonders vorsichtig nach seinen Wünschen zu behandeln, damit der Typ nicht wieder ausrastet. Das wäre dann der Egokreis, der sich hier bedienen lässt und der sich immer mehr verschärft. Das Urteil hat mit Herrschaft zu tun. Kritisches Denken wird sich dagegen wehren, und es besteht auch die Möglichkeit so ein Wort wie „Gewinner“ auf eine kritische Art zu definieren. >Den Wert eines Menschen erkenne ich nicht an seiner Karriere, sondern an den Karrieren die er abgelehnt hat<, frei nach Ernest Bornemann, der einen ganz anderen „Gewinner“ damit definiert. Ich finde es auch gut, den Versuch zu starten, eigene Neologismen zu etablieren. Das hat auch etwas von einem Spiel, und beim Spiel können wir ein wenig freier sein.
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RE: Das Gelingen und das Gewinnen
#15
24.03.2024, 01:12
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Ein Rockstar, der sich daneben benimmt ist ein bisschen so, wie ein verwöhntes Kind. Früher haben sich vielleicht auch (Erb-) Könige so aufgeführt. Diese Definition von Gewinner lautet mehr oder weniger, dass man geliebt wird, egal was man macht, und dass einem alles verziehen wird. 

Beim Gelingen geht es auch um Lebenskunst. Die meisten Leute würden es so definieren: Ein Leben ist gelungen, wenn man einen Job hat, der einen ausfüllt und der gut bezahlt wird und wenn man es schafft sich ein nennneswertes Privatleben aufzubauen, d.h. ein Leben wo viele interessante, schöne oder tüchtige Leute "drin" sind. 

Das Gewinnen ist oft eine Teilmenge des Gelingens. Bei einem Backwettbewerb werden in der Regel nur Kuchen eingereicht die einigermaßen gelungen sind, aber gewinnen kann nur einer. Hingegen wäre es völlig lächerlich bei einem Formel 1 Rennen zu sagen, dass den Fahrern, die ins Ziel gekommen sind, das Rennen gelungen sei. Gelungen ist nur einer begrenzten Zahl von Fahrern/Teams was. Das hängt von deren Erwartungen ab. So manch ein Außenseiterteam ist vielleicht schon froh, wenn es ins Ziel kommt, d.h. die Runden zuende fährt. Das passiert manchmal, wenn die Zuschauer schon längst die Tribünen verlassen haben. Ja, das Leben ist hart. Aber es ist auch vieles relativ. Immerhin darf nicht jeder bei einem Formel 1 Rennen mitfahren. 

Mannschaftsspiele unterscheiden sich von den meisten Einzelkampf-Sportarten dadurch, dass der Gegner stärker und erbarmunsloser bekämpft wird. Aber immerhin: es werden keine Leute erschossen sondern nur mit Bällen beworfen. Die meisten Spiele laufen also zivilisiert ab. Sie erlauben die Abfuhr von Aggression ohne dass jemand zu Schaden kommt. Der Schaden besteht lediglich in der Demütigung der Niederlage.
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