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Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft» Buch-Rezension

Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#1
04.03.2010, 13:21 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.03.2010, 18:37 von ricky_ho.)
Ich möchte hiermit ein Buch empfehlen, dass ich mir vor ein paar Tagen zufällig aus der Buchhandlung mitgenommen habe. Es ist also grade erschienen und hat mich sofort angesprochen:

"Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft"
von Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel

Entgegen einiger Kommentare im Netz(*) und dem, was man zunächst denken könnte, handelt es sich hier keineswegs um Wissenschafts-Bashing oder romantische Esoterik-Blenderei, es wird auch in keinster Weise Wissenschaft und Religion gleichgesetzt oder unhaltbare Behauptungen über parapsychologische Phänomene in die Welt gesetzt oder sonstiges.

Ganz im Gegenteil werden stattdessen zunächst mal die vorherrschende populären Irrtümer und Vorurteile bezüglich der angeblichen absoluten Objektivität wissenschaftlicher Experimente und Theorien, des unbedingten Glaubens an den wissenschaftlichen Fortschritt, der Möglichkeit von Wissen ohne Glauben und so weiter, aufgezeigt und erhellt.

Das sind, wie man sieht, alles Themen, die auch hier schon heiss diskutiert wurden, darum stelle ich das Buch auch vor.

Es wird gezeigt, was die wirklichen Vorzüge und Gründe für den Erfolg der Wissenschaft sind, nicht die vermeintliche Objektivität, sondern die Intersubjektivität (um mal einen - sicher nicht neuen - Kerngedanken des Buches zu nennen), was grade in Bezug auf den Zusammenhang von Wissenschaft und Freiheit und Demokratie etwas völlig anderes bedeutet. Viele populäre Vorurteile über Wissenschaft, Wissen, Erkenntnis, Glauben, Objektivität werden untersucht und überzeugend widerlegt - oder besser gesagt: klargestellt.

Habe jetzt 4 von 6 Kapiteln gelesen, wollte aber trotzdem schon mal was dazu schreiben und ergänze meinen Bericht dann ggf., wenn ich das Buch durch habe. Was ich noch vermisse bisher sind eine Behandlung der neurowissenschaftlichen Befunde und deren Interpretationen und eine Stellungnahme zum Totschlagsargument mit Randys Million...

Von Inhalt und Form her erinnert mich das Werk an Robert Anton Wilsons unbekannten Klassiker "Die neue Inquisition", wobei es aber keine Kopie, sondern eher Ergänzung und Erweiterung aus einem etwas anderen Blickpunkt ist. Ich würde sagen, Wilsons Werk ist etwas philosophischer, ihm geht es darum, seinen "Modellagnostizismus" zu vertreten, während dieses Buch eher wissenschaftlicher ist, es geht den Autoren meiner Ansicht nach darum, den guten Ruf der Wissenschaft wieder herzustellen, indem die banalen und überzogenen Vorurteile in der Masse der Bevölkerung, die die Wissenschaft zu einer neuen Heilslehre stilisieren, die einfach nur die Stelle der Religion einnimmt, dekonstruiert und die wirklichen Qualitäten wissenschaftlicher Vorgehensweise, die ja eben gerade nichts mit Religion, Dogmen und absoluten, unveränderlichen Wahrheiten zu tun haben, erläutert werden.

Ich kann nur jedem, der an diesem Thema interessiert ist, empfehlen, dieses Buch zu lesen. Mir ist, mit Ausnahme des genannten Buches von Wilson, nichts vergleichbares, in dem diese Themen auf so lockere und verständliche, aber trotzdem fundierte und kompetente Weise dargestellt werden, bekannt.

(*) Zum Beispiel die Rezensionen bei Amazon, die für mich nicht nachvollziehbar sind, entweder diese Leute haben das Buch nicht gelesen oder es handelt sich um genau die Szientisten und Fanatiker, gegen deren Ansichten sich das Buch richtet, die die Wissenschaft zur neuen Religion machen wollen - davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch in szientistischen Kreisen für einigen Wirbel sorgen wird und wahrscheinlich sind diese extrem negativen Rezensionen die ersten Vorboten...

Nachtrag: So ich hab das Buch nun durch. In den letzten beiden Kapiteln wirds dann nochmal richtig philosophisch und es wird auch auf die Befunde der Gehirnforschung eingegangen. Unsinn habe ich dann aber doch auch noch gefunden, und zwar in bestimmten politischen Aussagen im letzten Kapitel, die ich für ziemlich naiv halte, wo ich aber jetzt nicht unbedingt näher drauf eingehen will. Davon abgesehen bleibt es auf jeden Fall empfehlenswert.
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RE: Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#2
04.03.2010, 22:03
Also...es ist natürlich schwierig ein Buch zu beurteilen, das man nicht gelesen hat - aber ich habe jetzt mal nach Rezensionen gesucht, auch von dem genannten Wilson-Buch. Auch nach dem Begriff "Modell-Agnostizismus" hab ich mal gesucht.

Der Eindruck den ich da bekommen habe sagt mir daß das eigentlich alles ein alter Hut ist.
Ich würde darauf tippen daß hier jemand mit einem reißerischen Titel (und reißerisch ist er) und populärwissenschaftlicher Aufbereitung von Dingen die eigentlich jedem Wissenschaftler spätestens seit Karl Popper klar sind (bzw. sein sollten), etwas Geld zu verdienen versucht.

(04.03.2010, 13:21)ricky_ho schrieb: Ich würde sagen, Wilsons Werk ist etwas philosophischer, ihm geht es darum, seinen "Modellagnostizismus" zu vertreten,...

Das ist eben auch so ein Ding. Was soll das?
Daß Wissenschaft auf Modell-Bildung beruht und ein Modell nicht die Wirklichkeit beschreibt sollte doch spätestens jedem Oberstufe-Schüler klar sein, wenn er im Physik-Unterricht die verschiedenen Atom-Modelle durchgenommen hat.

Vielleicht war es ja auch die Absicht der Autoren das Ganze für Laien verständlich darzustellen (was ich aber bezweifle, wenn ich von Dingen lese wie "Berichte über Menschen, die lange nichts essen und massenweise ausfallende Steckdosen.").
Aber daß das dann gründlich mißlungen ist, zeigt die Rezension des Buchs im
Deutschland-Radio Kultur

Zitat:Auch heute wirft manche etablierte Theorie derart viele Fragen auf und schafft zusätzliche Probleme, dass man um ihr Überleben bangen darf. Die Urknalltheorie oder auch die Theorie der Dunklen Materie könnten solche Kandidaten sein, geben Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel zu bedenken.

Niemand bangt um das Überleben einer Theorie.
Man wäre froh um jede Neue und Bessere, denn daß die momentan vorhandenen physikalischen Theorien nicht der Weisheit letzter Schluß sind ist wohl auch schon jedem Physik-Erstsemester bekannt.

Eine Theorie wird aufgestellt, in gewissen Punkten falsifiziert und durch eine bessere ersetzt. So geht das schon recht lange und mittlerweile akzeptiert das auch jeder Wissenschaftler.

Hmm...also nimm es nicht als persönlichen Angriff, aber ich hab einfach schon zuvielen populärwissenschaftlichen Unsinn gesehen.
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RE: Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#3
04.03.2010, 22:46
ich habe zwar nicht das buch gelesen, will aber betonen, dass popper auch nicht mehr gerade das aktuellste ist, und er wohl vielmehr auch normen wissenschaftlichen arbeitens aufstellte, als tatsächlichen wissenschaftlichen usus zu beschreiben.

wer interesse daran hat zu sehen, wie wissenschaft tatsächlich funktioniert, kann beispielsweise t. kuhn (die struktur wissenschaftlicher revolutionen) oder p. bourdieu (homo academicus) lesen. etwas umstrittener und auch wieder mehr normativ, aber doch sicher eine gute entgegnung zu popper ist vielleicht p. feyerabend (wider den methodenzwang)
Weil mich das Geschwurbel nervt, hier endlich ein neues Forum für alle, die neben Klarträumen gerne auch Kreativität, Klarheit im Leben, Wissenschaftlichkeit, Feminismus und anderes teilen wollen  meditier : https://bewusstsein.iphpbb3.com
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RE: Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#4
04.03.2010, 22:50 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 04.03.2010, 22:57 von ricky_ho.)
(04.03.2010, 22:03)Amiga-Freak schrieb: Der Eindruck den ich da bekommen habe sagt mir daß das eigentlich alles ein alter Hut ist.

Ja, ist es. Ich behaupte nicht, dass das etwas Neues ist. Die Autoren auch nicht, es gibt ja auch Quellenangaben, z.B. natürlich auf Popper oder Kuhn. Du kannst sogar hier im Forum Diskussionen finden, in denen das schon Thema ist, im Buch steht da von den Argumenten her auch nichts wesentlich neues zu drin. Das sind altbekannte erkenntnistheoretische und wissenschaftstheoretische Fragen, die hier beschrieben werden. Warum ich das Buch trotzdem erwähnens- und empfehlenswert finde, hab ich im letzten Satz geschrieben big

Zitat:Ich würde darauf tippen daß hier jemand mit einem reißerischen Titel (und reißerisch ist er)

Definitiv. Als ich das Buch gesehen hatte, war es praktisch schon gekauft :-) Bis jetzt bereue ich es aber nicht.

Zitat:und populärwissenschaftlicher Aufbereitung von Dingen die eigentlich jedem Wissenschaftler spätestens seit Karl Popper klar sind (bzw. sein sollten),

Auf das "sein sollten" kommt es hier wohl an.

Zitat:etwas Geld zu verdienen versucht.

Das ist natürlich eine nicht falsifizierbare Kritik, die man bei jedem Buch anbringen kann. Auch ohne es gelesen zu haben biggrin

Zitat:
(04.03.2010, 13:21)ricky_ho schrieb: Ich würde sagen, Wilsons Werk ist etwas philosophischer, ihm geht es darum, seinen "Modellagnostizismus" zu vertreten,...

Das ist eben auch so ein Ding. Was soll das?
Daß Wissenschaft auf Modell-Bildung beruht und ein Modell nicht die Wirklichkeit beschreibt sollte doch spätestens jedem Oberstufe-Schüler klar sein, wenn er im Physik-Unterricht die verschiedenen Atom-Modelle durchgenommen hat.

Der Modellagnostizismus bezieht sich nicht nur auf die Wissenschaft, sondern generell auf die Einstellung, die man zu verschiedenen Modellen einnimmt. Ob man z.B. eines für die Realität und alle anderen für Einbildung hält, oder ob man genau das, was du für die Wissenschaft beschreibst, generell für die Modelle, die man sich erstellt, erkennt.

(Wenn das jedem Oberstufenschüler klar sein müsste, versteh ich so manche Diskussion hier im Forum in den letzen Jahren nicht big )

Zitat:Vielleicht war es ja auch die Absicht der Autoren das Ganze für Laien verständlich darzustellen

Ja, würde ich mal sagen.

Zitat:(was ich aber bezweifle, wenn ich von Dingen lese wie "Berichte über Menschen, die lange nichts essen und massenweise ausfallende Steckdosen.").

Hm, was meinst du jetzt? Im Buch wird nicht behauptet, diese Phänomene seien real oder so, auch wenn manche das wahrscheinlich in der Richtung verstehen könnten. Das wäre aus meiner Sicht aber eine Fehlinterpretation dessen, worum es den Autoren geht. Eine Fehlauslegung, mit der auch Wilson glaube ich oft zu kämpfen hatte. Es geht nicht so sehr darum, ob solche Behauptungen jetzt objektiv wahr sind oder nicht, sondern es geht um die Frage, wie Menschen zu ihren Überzeugungen bezüglich solcher Fragen gelangen.

Zitat:Aber daß das dann gründlich mißlungen ist, zeigt die Rezension des Buchs im
Deutschland-Radio Kultur

Ich kann dir nicht ganz folgen, die Rezension ist doch positiv?

Zitat:
Zitat:Auch heute wirft manche etablierte Theorie derart viele Fragen auf und schafft zusätzliche Probleme, dass man um ihr Überleben bangen darf. Die Urknalltheorie oder auch die Theorie der Dunklen Materie könnten solche Kandidaten sein, geben Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel zu bedenken.

Niemand bangt um das Überleben einer Theorie.

Also das ist eine sehr starke Aussage. Bist du dir da so sicher, niemand?

Zitat:Man wäre froh um jede Neue und Bessere, denn daß die momentan vorhandenen physikalischen Theorien nicht der Weisheit letzter Schluß sind ist wohl auch schon jedem Physik-Erstsemester bekannt.

Eine Theorie wird aufgestellt, in gewissen Punkten falsifiziert und durch eine bessere ersetzt. So geht das schon recht lange und mittlerweile akzeptiert das auch jeder Wissenschaftler.

Ja, das ist die Vorstellung die man hat und wie es laufen sollte. Eine Idealvorstellung. Aber die Wissenschaft wird eben von Menschen gemacht. Das wird im Buch an vielen Beispielen beschrieben.


Zitat:Hmm...also nimm es nicht als persönlichen Angriff, aber ich hab einfach schon zuvielen populärwissenschaftlichen Unsinn gesehen.

Bestimmt, bisher kann ich aber nicht sagen, dass es Unsinn ist. Wie du schon richtig erkennst, stellen die Autoren keine irgendwie obskuren Behauptungen auf, sondern sagen im Grunde nur, was wissenschaftstheoretisch und erkenntnistheoretisch allseits bekannt ist. Das ganze wird wirklich in erster Linie für Laien präsentiert, die sich mit solchen Fragen vielleicht noch nicht so beschäftigt haben, dieser Laie wird auch von dem Vortragsbesucher, der in der Rezension erwähnt wird, repräsentiert. Aber wie gesagt, es bringt auch für Leute, denen die Grundthesen schon bekannt sind, interessante Beispiele, Argumente, Zusammenhänge, historische Anekdoten, so dass ich es Interessierten empfehlen würde.

Wenn jemand es gelesen hat und wirklich Unsinn drin findet, können wir das ja ausdiskutieren. Man muss aber aufpassen und bedenken, dass die Autoren nicht unbedingt jede Behauptung oder Theorie, die im Buch erwähnt wird, für wahr halten, selbst wenn sie die Argumente der Gegner dieser Behauptungen und Theorien kritisch untersuchen. Das gilt grade auch bei Wilson in "Inquisition".

Ich weiss natürlich nicht, was in den letzten beiden Kapiteln noch kommt big

@spell: Popper, Kuhn und Feyerabend werden zitiert und in der Literaturliste genannt, u.a. auch die von dir genannten Titel. Auf "Wider den Methodenzwang" wurde auf jeden Fall auch genauer eingegangen, ich weiss zwar nicht mehr, um was es genau ging, aber ich hatte mir das Buch vorgemerkt big
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RE: Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#5
05.03.2010, 08:16 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05.03.2010, 08:16 von Amiga-Freak.)
Na gut, na gut - wie gesagt, hab es nicht gelesen, aber der Titel und die Rezensionen auf Amazon (die positive wie die negative) haben bei mir eben doch den Eindruck von einem "Wissenschafts-Bashing" (was Leser wie die Verfasserin der ersten Amazon-Rezension immer anspricht) zum Zweck des Geldverdienens erweckt.

Nur ganz kurz, ich muß gleich aus dem Haus....

Zitat:Ich kann dir nicht ganz folgen, die Rezension ist doch positiv?

Ja, aber mein Gedanke war: Wenn das Buch bei den Redakteuren des Deutschland-Radios den Eindruck erweckt hat daß Wissenschaftler um "Theorien bangen", dann hat es seine Aufgabe nicht wirklich erfüllt.

Zitat:Wenn das jedem Oberstufenschüler klar sein müsste, versteh ich so manche Diskussion hier im Forum in den letzen Jahren nich

PISA ? bigwink
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RE: Was zu bezweifeln war - Die Lüge von der objektiven Wissenschaft
#6
05.03.2010, 08:51 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.03.2010, 18:30 von ricky_ho.)
Naja, genauso wie es eben bei den Oberstufenschülern nicht so ist, wie es vielleicht sein müsste, ist das auch bei vielen Wissenschaftlern. Niemand behauptet ja, dass sie alle so wären. Aber jeder kennt doch z.B. die Beispiele von Biologen, die anfangen zu hyperventilieren, wenn man es nur wagt, die Evolution als "Theorie" zu bezeichnen, die möglicherweise mal duch was anderes ersetzt wird.

Übrigens ist die Kernprämisse des Buches, dass es keine unabhängig existierende objektive Aussenwelt gibt und es wird die Feynmann-Stückelberg-Interpretation vorgestellt. Davon hab ich doch vor ein paar Tagen noch erst woanders gelesen, wo war das noch? big
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