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Religion und Kirche

RE: Religion und Kirche
#16
31.07.2020, 15:16
[+] 2 User sagen Danke! ichbinmehr für diesen Beitrag
Kennt ihr auch das Phänomen, dass man die eigene Religion ablehnt und östliche Religionen idealisiert?

Weil mich das Christentum in seiner Auslegung so enttäuscht hatte, hab ich mich dann irgendwann für Buddhismus interessiert. Was mich besonders angezogen hat war, dass die Buddhisten denken, dass man Gott in sich selbst finden kann und eben nicht im Außen.

Im Christentum ist die Einheit aus Gott und Mensch ganz vielen Gläubigen gar nicht bewusst. Der Buddhismus wirbt regelrecht damit, dass man Gott in sich selbst entdecken kann. Doch wenn man genau hinschaut, legen auch viele Buddhisten ihre Philosophie ganz anders aus, als sie gedacht ist.

Anstatt dass sie Mensch und Gott über Innen und Außen trennen, trennen sie ihre göttliches Selbst über den Faktor Zeit ab. Es handelt sich aber genauso um das Prinzip der Abspaltung, der eigenen Göttlichkeit, wie es auch im Christentum interpretiert wird.

Es gibt ganz viele Buddhisten, die glauben man braucht viele Leben um zu erwachen. Wenn man denen sagt, du kannst in diesem Leben erwachen, dann sind sie so überzeugt, dass sie dieser Erfahrung nicht würdig sind, sodass sie diese Möglichkeit ganz ausschließen. Obwohl Buddha das auch gesagt hat. Dann plötzlich widersprechen sie ihrem eigenen Buddha. Sonst zitieren sie seine Worte, wie ein Gesetzbuch. Aber da wo es um die eigene Größe geht, erfinden sie Ausflüchte, warum das für sie nicht gelten kann.

Mich hat das immer sehr erstaunt, weil ich gerade deshalb ein Interesse am Buddhismus entwickelt hatte, eben weil jeder Mensch erwachen in diesem Leben erfahren kann, der sich auf den Weg macht. Das viele Buddhisten das anders sehen, hatte mich dann sehr gewundert. 

Oder auch dieses selektive Auslegen und Lesen von buddhistischen Texten. Im Buddhismus wird an vielen Stellen sehr klar ausgedrückt, dass man den Buddhismus an einem Bestimmen Entwicklungspunkt zurück lassen muss, weil man die Bindung an alle Konzepte überwinden soll. Das steht zb bei Gampompa sehr deutlich, einem sehr traditionellen buddhistischen Werk. Buddha selbst sagt das auch in einem sehr bekannten Zitat.

Dann gibt es da auch so viele Schriftgelehrte, die die buddhischen Texte hoch und runter beten, aber eigene mystische Erfahrungen völlig abwerten. Die sprechen manchmal nur in Zitaten und akzeptieren auch nur Zitate. Als ob es daraum ginge Zitate auswendig zu können. Die schlimmste Ignoranz habe ich seltsamerweise in buddhistischen Internet Gruppen gefunden. Aber vordergründig wird eine scheinheilige Persona gelebt. Also ich persönlich kann dem Buddhismus sehr viel Wissen entnehmen, aber der Austausch mit Gleichgesinnten fällt da genauso schwer. Mich hat das sehr enttäuscht, dass ich da auch keine Gemeinschaft mit Mystikern fand. Wo sind die nur?

Was ich positiv am Buddhismus finde, ist dass die Religion gemäßigter ist. Leider erzeugt das wiederum einen noch größeren Schatten. Der Schatten der durch die Überwindung des Selbst entsteht und auf dem buddhistischen Weg leider gar nicht geläutert werden kann, ohne dass das Ich mit seinen Bedürfnissen angenommen wird, den finde ich schwierig. Ich glaube auch deshalb haben sich einige hohe Lamas irgendwann aus der Tradition befreit und sich Richtung Westen gewendet, um das zu integrieren was auf ihrem Weg nicht möglich war.

Was sich aber im positiven vom Christentum unterscheidet ist dass die Mystik im gesamten Buddhismus eine Anerkennung genießt. Im Christentum wurden die Mystiker oft umgebracht, im Buddhismus werden diese verehrt. Und trotzdem glauben die meisten Menschen nicht daran, diese Verwirklichung die sie zb von einem 16. Karmapa bezeugen dürfen jemals selbst zu erreichen. Ich hab ja oft gedacht dass der Gott im Außen eine Unterdrückung des Christentums ist, aber im Buddhismus sieht man sehr deutlich, dass sie gläubigen sich selbst um ihre eigene Göttlichkeit bringen. Die Abspaltung der eigenen Größe ist da also in großen Teilen genauso aktiv wie in unserer religiösen Kultur.

Ich habe beobachtet dass das in allen Religion so ist. Deshalb ist das wohl ein Phänomen unabhängig von Religion. Wie kommt das eigentlich dass der Mensch so wenig vertrauen hat, selbst ein Buddha, ein Erleuchteter zu werden?

Ich glaube ja es ist beinahe noch schwerer sein eigenes Leuchten zu akzeptieren, als seine Negativität. Warum? Warum können wir uns nicht selbst erhöhen und alle anderen mit uns?

Warum neigt der Mensch dazu sich selbst zu erniedrigen und alle anderen mit ihm? Woher kommt das?
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RE: Religion und Kirche
#17
31.07.2020, 16:49
[+] 2 User sagen Danke! Nuevo für diesen Beitrag
Nun, was mich am Buddhismus als erstes begeisterte war der Punkt, das es im Buddhismus keinen "Gott" gibt. (Kommt natürlich darauf an, wie man Gott definiert.) 

Nachdem ich mich mehrere Jahre mit Buddhismus beschäftigt habe war für mich klar, Buddhismus ist für mich auch keine Religion. (Kommt natürlich darauf an wie man Religion definiert) Ich will denen zwar den Status der Religion nicht absprechen aber für mich ist das ein Training des Geistes, des Denkens, des Bewusstseins und eine Meditationspraxis.

Viele Punkte und Fragen die du in deinem Beitrag ansprichst stellen sich daher für mich nicht.

Viele "Regeln" und Empfehlungen die es in manchen Richtungen gibt wurden für Klostergemeinschaften geschaffen und machten da auch sicherlich Sinn. Aber für Laien-Buddhisten sind diese vielleicht überholt. Ich denke das viele traditionelle "Schulen" sich den heutigen Verhältnissen und dem Wandel der Zeit nicht angepasst haben oder sich da schwer tun. Das aber solche Prozesse im Gange sind, und das ist auch gut so, sieht man wenn man sich Buddhistische Gemeinschaften z.B. in den westlichen Gesellschaften anschaut, die Laien-Buddhisten, die oftmal auch unorganisiert sind. Ob diese Strukturen aber von Bestand sind, bleibt abzuwarten.

Außerdem, der Buddha war auch nur ein Kind seiner Zeit. Das Konzept von Tod und Wiedergeburt ist keine Erfindung des Buddhismus, hier hat er, so vermute ich, dieses aus dem Brahmanismus einfach übernommen. Ich würde mich nicht wundern wenn er dies niemals in Frage gestellt hat, was ich schade finde. 

Da es so viele unterschiedliche, buddhistische Richtungen gibt und gab, finde ich es schwer, von dem Buddhismus zu sprechen.  Und die dazugehörigen "Institutionen", mit ihren eigenen Strukturen, sind dann auch nochmal etwas ganz anderes.

Achja, und für mich gibt es keine Erleuchtung. bigwink
Am helllichten Tage, in finsterer Nacht, nichts entgeht meiner Wacht.

Green Lantern


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RE: Religion und Kirche
#18
31.07.2020, 17:10 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31.07.2020, 17:12 von spell bound.)
[+] 2 User sagen Danke! spell bound für diesen Beitrag
(31.07.2020, 16:49)Nuevo schrieb: Nun, was mich am Buddhismus als erstes begeisterte war der Punkt, das es im Buddhismus keinen "Gott" gibt. (Kommt natürlich darauf an, wie man Gott definiert.) 

a propos verschiedene buddhismen: habt ihr schon mal was vom amithaba-buddhismus gehört? da wird amithaba-buddha schon wie ein gott behandelt. und diese richtung ist nun kein randphänomen
Das Elend begann, als du dich selbst zum Feind erklären musstest.
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RE: Religion und Kirche
#19
31.07.2020, 17:14 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31.07.2020, 17:15 von glider.)
[+] 2 User sagen Danke! glider für diesen Beitrag
Ich lese gerade folgendes Buch, das ich zum Thema Buddhismus sehr empfehlen kann:
https://www.amazon.de/Why-I-Am-Not-Buddh...0300226551

kennt ihr es? Evan Thompson erklärt darin sehr ausführlich, die verschiedenen buddhistischen Ausrichtungen und wie er im Westen oft falsch verstanden/interpretiert wird, und eben doch eher eine Religion als 'nur' eine Philosophie ist.

Und ich selber bleibe auch lieber 'spirituell-interessierte' Philosophin, als mich zum Buddhismus zu bekehren. Offiziell bin ich immer noch bei der protestantischen Kirche dabei und mein Mann bei der katholischen. Ich sehe es als ein Beitrag zu unserer Kultur. Für mich sollte Religion in der Schule auch nur noch unter Kulturgeschichte erwähnt werden....
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RE: Religion und Kirche
#20
31.07.2020, 18:20 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31.07.2020, 18:22 von ichbinmehr.)
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Beim Guru Yoga verwendet man das vergöttern auch bewusst um Gott auf eine Person zu projizieren. Da ich gerne Menschen idealiere (früher unbewusst) habe ich mich darin wiedergefunden. Das Ganze ist dann aber an meinem kluscheisser Ego gekippt, welches vieles letztlich besser wusste, als mein Guru. Hahah. Ich glaube aber erst Idealisierung und dann Abgrenzung und Selbstermächtigung sind bei der Methode inhärend. Was ich damit sagen möchte, manche Menschen brauchen die Projektion auf einen Gott oder einen Guru. Auch um das eigene Ego zu läutern, manchmal auch heilende Beziehunsgerfahrungen zu machen (zb auch sich von einer Authorität, oder dem Geliebten abgrenzen). Man kann auch viel Energie dadurch gewinnen, jemandem diese Macht zu geben. In der Hingabe lösen sich viele Verstrickungen auf. Manche Menschen brauche eine Person für die sie die Hingabe aufbringen. Vielleicht erleben dieses manche Menschen auch mit einem nach Außen projizierten Gott?
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RE: Religion und Kirche
#21
01.08.2020, 11:53
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Ich habe mal einen Mönch kennengelernt, der vom Katholizismus zum Buddhismus konvertiert war. Er erzählte mir, dass er Jahre bzw. Jahrzehnte als Priester in Italien tätig war und eine Kirchengemeinde begleitete. Und das überzeugt und hingebungsvoll. Soweit ich mich erinnere, war er zudem in einer nicht-katholischen Meditationsgruppe und hatte auch einen Lehrer. Auf jeden Fall hatte er eines Tages ein Nahtoderlebnis, erfuhr ein spirituelles Erwachen, begleitet von einer Vision, in der er die Geburt Gottes sah oder erlebte (dieselbe Vision, die Buddha anscheinend hatte?). Das änderte sein Gottesbild komplett und er sah es als Zeichen, dem Weg des Buddha zu folgen. Ihn zog es dann für einige Jahre nach Sri Lanka, wo er zum Mönch ordinierte.
Ich empfand ihn auch hinsichtlich anderer spiritueller Richtungen und Themen als sehr offen. Meine wenigen Berührungen mit dem Buddhismus waren meist ‚andersartig‘ und lebendig, ich hatte aber auch das Glück hier auf Vertreter zu treffen, die eher unkonventionell waren. 
Raritäten, die man vermutlich nicht oft und auch nicht in den etablierten Zentren antrifft. 


Zitat:In der Hingabe lösen sich viele Verstrickungen auf. Manche Menschen brauche eine Person für die sie die Hingabe aufbringen. Vielleicht erleben dieses manche Menschen auch mit einem nach Außen projizierten Gott?

Da fällt mir z.B. Irina Tweedie ein. Ihre Tagebuch-Aufzeichnungen haben mich damals sehr gefesselt. Da gehört schon auch einiges dazu, sich einem Guru komplett hinzugeben.
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