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Kinderherzen» Pädagogik, Individuum, Kollektiv, Freiheit, Disziplin

Kinderherzen
#1
24.05.2019, 22:46 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.05.2019, 00:10 von ichbinmehr.)
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Heute geht es um die Frage, wie wollen wir unsere Kinder zu ganzheitlichen Persönlichkeiten erziehen? Ich freue mich wenn ihr euch an einer Diskussion dazu beteiligt. Hier einmal meine Meinung zum Thema.

Gestern schaltete ich den Fernseher ein und es lief Markus Lanz, eine Late Night Talk Sendung. Zu Gast äußerte sich u.a. Michael Winterhoff, Kinderpsychiater und sprach über den desolaten Zustand in deutschen Kindertageseinrichtungen und Schulen. Er mahnte die mangelnde Beziehungsarbeit in der Pädagogik an. Er kritisierte, dass unsere heutigen Kinder und Jugendliche in unseren Bildungseinrichtungen nicht mehr gefordert werden, weil wir immer mehr zu freier Arbeit, zu offenen KiTa Gruppen, tendieren. Lehrer fungieren immer mehr als freundschaftliche Lernbegleiter, statt zur Autorität. Herr Winterhoff sprach über Menschen, die auf Grund fehlender erlernter Anpassung und dadurch fehlender emotionaler Reife, unfähig sind, im Leben Fuß zu fassen.

Ich bin von Beruf Erzieherin, deshalb betrifft mich dieses Thema Tag täglich und deshalb kannte ich Herr Winterhoffs Position bereits. Aus meiner Berufserfahrung möchte ich hinzufügen, dass adäquate Bildung vor allem, ein Kostenfaktor darstellt, den die Parteien, die zur Zeit an der Macht sind, nicht gewillt sind zu finanzieren. Den sich Träger solcher Einrichtungen, wie Städte und Kommunen durch den Wegfall von persönlicher Begleitung, aus finanziellen Gründen ersparen möchten oder müssen. Nicht immer entstehen fehlende Pädagogen, aus pädagogischen Entscheidung. Es sind meist ökonomische Entscheidung, die sich an Kosten und nicht an den Bedürfnissen von Kindern orientieren. Der Ökonom hat sein eigenes Fachgebiet nicht verstanden, wenn er die Kosten, die durch die Folgen, die Herr Winterhoff anspricht, nicht in seine Rechnung mit einbezieht. Wenn Menschen in Bildungseinrichtungen nicht aufgefangen werden, wird uns das alle teuer zu stehen kommen, wenn wir nicht mehr Sorgfalt und Nachhaltigkeit in unsere Entscheidungen mit einbeziehen.

Was mich, als ich die Diskussionsrunde betrachte, aber noch viel mehr vereinnahmte als die Perspektive, die Herr Winterhoff ansprach war, dass das eben nur ein Teil der Wahrheit ist. Und ich musste schmunzeln, wie sich in diesem Moment plötzlich zwei Seiten der selben Medaille in mir zeigten, die seit Jahren in mir kämpften und ich beiden Seiten, einfach nur Recht geben konnte.

Ich selbst wuchs relativ streng erzogen auf. Und so erlebte ich persönlich viel mehr Strenge als Freiheit. Ich wurde Erzieherin, weil ich Kindern in Not helfen wollte. Dies geschah aus meiner eigenen Not. Ich wollte Kindern helfen, eine Stimme zu haben, wie ich sie nie hatte. Aus diesem Grund finde ich die Motivation diesen Text zu schreiben.

Ich wollte mich dafür einsetzten, dass die Gefühle und Bedürfnisse von Kindern ernst genommen werden. Ich wollte mich dafür einsetzten, dass Menschen insbesondere Kinder keine Übergriffe durch Gewalt erdulden müssen. Und wenn man so eine Berufung wie ich hat, die aus dem eigenen Leid entstammt, dann ist es normal, wenn man daraus erst Mal eine Überkompensation entwickelt. Entweder verinnerlicht man seine eigene Erziehung unbewusst, oder man rebelliert gegen sie, um sich damit auseinander zu setzten. Ich war ein Rebell in einem angepassten Kleid.

Als ich als junge Erzieherin begann meine Berufserfahrung zu sammeln, erlebte ich einen großen Konflikt in mir, da ich diese Strenge, die ich in der Kindheit erlebte, nicht an Kinder weiter geben wollte. Gleichzeitig hatte ich die Aufgabe 25, manchmal bis zu 29 Kinder, in meiner Gruppe zu Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen. Ohne eine Authorität zu sein, ist dieses unmöglich. Sehr wichtig ist hier die Unterscheidung der Worte Authorität und authoritär. Sehr häufig musste ich auffangen, was Eltern heutzutage, aus aus Gründen der Berufstätigkeit nicht mehr leisten können.

Zu der Zeit fiel mir Herr Winterhoffs Buch: „Warum Kinder Tyrannen werden“ in die Hände und ich erkannte plötzlich, dass ich meine eigene Geschichte auf meine Kindergartenkinder projizierte. Projektion ist ein psychologischer Begriff für die Übertragung von eigenen unbewussten Gefühlen. Er sprach von einer Theorie, in der sich Eltern oft als Einheit mit ihrem Kind fühlen. Er sprach von einer Art Verschmelzung. Würden sie ihr Kind bestrafen müssen, oder ihm einen Wunsch verwehren, wäre es, als fügten sie sich selbst Schmerz zu. Diese Eltern kannte ich bedingt durch meine Arbeit, nur all zu gut. Eltern die unfähig waren, ihren Kinder Grenzen zu setzten.

Wenn man ein unerzogenes Kind hat, kann man die Tatsache evtl. ignorieren, weil man sein Kind liebt, und nicht sehen will, wie es um die Erziehung des Kindes steht. Wenn man aber 25 Kinder hat, ist man gezwungen die Ursachen für das Verhalten den Kinder zu analysieren und sich immer wieder in Frage zustellen. Seit ich das Buch von Herrn Winterhoff gelesen hatte, war ich fähig meine Rolle als Autorität einzunehmen. Denn es wurde mir sehr bewusst, dass man die eigenen Gefühle, die aus der eigenen Erziehung stammten,  nicht auf eine andere Person übertragen dürfe. Aber wer kann das schon? Dieses Phänomen nennt sich Projektion, und wir unterliegen ihr in unserem Alltag ständig. 

Natürlich brachte dieses gleich den Konflikt mit den Eltern mit sich. So geriet ich vor allem als junge Erzieherin, mit Anfang 20, ich bin jetzt 39 Jahre alt, in Konflikte mit Eltern, die sich mit ihrem Kind als Einheit fühlten.

Damals hatte ich einen Konflikt mit einer Mutter über diese Thematik. Ich gab ihr ein Buch von Michael Winterhoff in der Hoffnung, dass sie mich besser verstand, und sie drückte mir ein Buch von Gerald Hüther in die Hände, indem es um die Förderung des individuellen Talentes des Kindes ging. Im Nachhinein ein magisches Ritual, der Vereinigung der Gegensätze. Mein ganzes Leben lang, habe ich mich mit dem Thema Erziehung auseinander gesetzt und somit bin ich froh,  nun endlich eine Haltung der Mitte gefunden zu haben, die in diesem Moment ihren Anfang fand.

Anfangs war ich dem Buch von Hüther sehr skeptisch gegenüber eingestellt. Heute verstehe ich erst, dass das daran lag, dass ich mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht für meine Talente wertschätzen konnte und die Anpassung, in die ich gezwungen wurde, internalisiert (übernommen) hatte. Wieder einmal hatte die Projektion die Sicht auf meine Realität verzerrt.

Ich dachte Individualität ist ja gut und schön, aber Fakt ist, ich hatte jedes Jahr mindestens 25 Kinder, für die ich verantwortlich war, und die ich auf das Leben in dieser Welt vorbereiten musste. Und es waren Kinder dabei, die sehr unerzogen, gewalttätig oder einfach respektlos waren.

Und so wie anfangs Schwierigkeiten hatte Grenzen zu setzten, verstand ich, dass klare Grenzen Menschen ebenso vor Gewalt beschützen, wie Mitgefühl und Liebe, einen gewalttätigen Menschen besänftigen kann. So richtig verstehe ich es aber erst heute. Denn bis vor kurzem kämpften diese beiden Sichtweisen in mir um eine Vorherrschaft. Erst jetzt viele Jahre später kann ich sagen, dass ich das was ich dank meiner Kinder gelernt habe, auch für mein restliches Leben vollständig integriert habe.

In einer Gruppe muss man fähig sein, seine individuellen Bedürfnisse zurück zu stellen und sich an die Bedürfnisse der Gruppe anpassen, man muss lernen andere Menschen zu achten. In einer Gesellschaft muss man sich anpassen können. Und doch war ich auch immer ein Mensch, der ja mit seiner eigenen Erziehung haderte, der sich danach sehnte, Kindern Liebe und Geborgenheit zu geben und den Freiraum, die eigenen individuellen Talente zu entwickeln. Wo bleibt die Individualität, wenn diese der Anpassung zum Opfer fällt?

Ich selbst habe vorwiegend negative Erfahrungen in der Schule gemacht. Ich habe dort den Lehrer als Autorität erlebt. Einige davon waren natürliche Autoritäten, andere waren autoritär.

Ich habe jedoch keine einzige Möglichkeit erlebt, in dieser Umgebung meine individuellen Talente zu entwickeln. Ich bekam zu Hause keine Selbstachtung beigebracht und in der Schule auch nicht. Erst lange nach meiner Schulzeit habe ich begonnen, aus einer intrinsischen Motivation heraus (aus mir selbst) Dinge lernen zu wollen. Erst als ich lange raus war aus Elternhaus und Schule, ungefähr mit Ende Zwanzig, fühlte ich mich in meiner Umgebung frei genug herauszufinden, welcher Mensch ich überhaupt sein will. Und so begann ich mein Leben in Frage zu stellen. Vor allem die Anpassung.

Ich erfuhr jenseits der Schule zum ersten mal, dass ich in einer Fernakademie gute Noten bekam, denn zum ersten Mal erfuhr ich, wie es ist aus eigener Motivation heraus zu lernen, nämlich das was mich persönlich interessiert. Das war immer Psychologie, ein Fach welches in der Schule nicht vorkam. Nicht in meiner Schule. Ich war auf einer Realschule. Es gab dort keine Wahl. Keine Individualität. Meine einzige Individualität die ich dort leben konnte, bestand aus der Kleidung die ich trug und der Musik die ich auf den Schulweg hörte. Wie oft bekam ich schlechte Noten in Fächern wie Kunst, Musik oder Deutsch, Fächer die Kinder eigentlich zu kreativen Menschen erziehen sollten. Meine Beiträge gefielen den Lehren persönlich nicht. Meine Meinung, meine Interpretion wurde immer als falsch bewertet. Darunter leidete mein Selbstwert, der schon zu Hause nicht gefördert wurde. Ich habe die Schule gehasst.

Bis zum Studium habe ich es nicht geschafft, weil ich keine Unterstützung in meinem Umfeld fand, um überhaupt das Selbstbewusstsein aufzubringen, diesen Weg zu gehen. Auch von zu Hause kannte ich es nicht, dass jemand meine Interessen aufgriff. Meine Eltern waren viel zu sehr von ihrer eigenen Kindheit traumatisiert, (zwischen 1940 und 1950 geboren), als dass sie ein Gespür für die persönlichen Interessen ihres Kindes hatten. In der Zeit ihrer Kindheit, zählte das Individuum nicht. Das Individuum stand den Allmachtsphantasien der Nazis im Weg. Und so denken heute noch ganze Generationen von Menschen. Denn sie haben die Werte ihrer Generation unhinterfragt übernommen. So habe ich leider mit dem Thema schulisches Lernen, hauptsächlich sehr viele negative Erfahrungen gemacht, die meine Haltung dazu geprägt haben.

Dann vor ein paar Jahren fand ich plötzlich Andre Stern, einen intelligenten Jungen Mann, der Vorträge über seine Schuldbildung hielt. Dabei kam heraus, dass er keine Schulbildung hatte. Andre Stern wuchs in Frankreich auf. Dort erhielt er, auch auf Grund dessen, dass er sehr gebildete Eltern hatte, die intellektuell in der Lage waren, den kleinen Andre persönlich bei seiner Entwicklung zu begleiten, was in Deutschland verboten ist. Ich erfuhr was Freilernen ist, und wie Eltern die sich dazu für ihre Kinder entscheiden, kriminalisiert werden.

So erfuhr ich von einer ganz anderen Möglichkeit Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten. Theoretisch. Sehr oft wünsche ich es mir, meinen Kindergartenkindern, Möglichkeiten zu bieten, dass sie ihren persönlichen Interessen nach gehen können. Aber das ist schwierig, weil das System indem ich lebe, Individualität beschränkt. Auch heute noch im Jahre 2019.

Zudem trat dann der Gehirnforscher Gerald Hüther, dessen Buch ich vor Jahren noch verschmäht hatte, mit Andres Stern wieder in mein Leben. Dieser war in der Lage Sterns Behauptung, dass Kinder am besten lernen, indem man sie spielen lässt, wissenschaftlich zu belegen. Andres Stren sagt Spielen ist Lernen. Unser Fehler ist den Kindern zu sagen, jetzt ist das Spiel vorbei, jetzt musst du lernen. Das ist Gehirnphysiologisch der reinste Irrsinn. Das Gehirn des Menschen lernt nachhaltig, einzig durch intrinsische Motivation (aus sich selbst heraus einstanden Freude am Thema).

Nochmal: Wir lernen durch Begeisterung. Aber gleichzeitig zwingen wir unsere Kinder Dinge zu lernen die sie nicht interessiert. Das was wir in den Schulen Jahrhunderte gemacht haben, herzloses und sinnloses auswendig lernen, was wir gar nicht lernen wollen, vergisst das Gehirn sobald der Test geschrieben ist.

Hüther bestätigte mir damit den Irrsinn wissenschftlich, den ich Jahrelang immer schon in mir gefühlt habe, wenn ich Widerstand gegen das Schulsystem empfunden hatte, in dem ich aufgewachsen war.

Und so fand ich in diesen beiden Reformpädagogen, wie ich sie verstehe, eine Bereicherung für meine Arbeit mit Kindern. Das war dringend nötig, denn ich hatte ja nur autoritäre Rollenvorbilder als Lehrer, Eltern und Erzieher erlebt, bei denen die individuelle Persönlichkeit eines Kindes keinen Platz hatte.

Die Sängerin Sarah Lesch setzte mit ihrem Song „Testament“, der von der verlorenen Kindheit auf Grund des Bildungssystems handelt, noch einen drauf, und rührte mich immer wieder zu Tränen. Ich bemerkte immer mehr, wie meine Schuldbildung dazu beigetragen hatte, dass ich mich selbst verleugnen musste. Denn dort war kein Platz für den Menschen der ich bin, der sich immer durch mich ausdrücken wollte. Vielleicht mag der Leser meines Textes denken, ich sei ja ganz gut gelungen. Aber Fakt ist, ich brauchte viel Therapie und innere Auseinandersetzung, um die Schäden, die meine Persönlichkeit aus der Erziehung getragen hat, zu heilen.

Nur durch meine Spiritualität, kann ich diese gewalttätigen Erfahrungen, der Verdrängung meiner Persönlichkeit sinngebend erklären. Darum bin ich froh, aber das ich meiner Erfahrung einen Sinn geben kann, heisst nicht, dass ich daraus eine generelle Haltung machen sollte. Das eigene Leid durch Sinngebung zu rechtfertigen, ist leider eine häufige Haltung die dazu führt, das Gewalterfahrungen an die nächste Generatiuon weiter gegeben werden. Wir sollten unsere eigene Haltung immer wieder in Frage stellen.

Nun wie du vielleicht bemerkst, schlagen ach zwei Herzen in meiner Brust. Und genau darauf möchte ich mit meinem Betrag hinaus. In der Vergangenheit hat die Pädagogik, wie die Mode je nach Saison, ihr Kleid all zu oft gewechselt. Auf die einseitig harte und gewalttätige Pädagogik der 1940er Jahre, die diese Menschen in diesem Land bis heute immer noch prägt, folgten Versuche von antiautoritären Erziehungsstilen á la Alexander Neill. Und so ist es immer. Menschen denken meist in Kategorien von entweder oder.

Sie bevorzugen das eine und stellen sich gegen das andere. Sie bilden einen Standpunkt, an dem sie sich eisern festhalten. Offenheit ist selten vorzufinden. Ihre Gedanken und ihre Haltungen sind beeinflusst, durch ihre eigene Geschichte. Und so bin ich froh, dass wir die Wissenschaft an unserer Seite haben, die versucht zu einem möglichst unabhängigen Gutachten zu kommen. Ich glaube viele unserer Meinung über Erziehung sind sehr stark von unseren eigenen Erlebnissen geprägt, ob wir diese nun internalisiert (übernommen) haben oder gegen diese im Widerstand leben. Es täte uns gut, die Meinung und die Methoden der Wissenschaft stärker anzuerkennen, damit auch wir zu einer objektiven Sichtweise kommen.

Das was große Erfinder oder Philosophen von Albert Einstein bis Johann von Goethe in sich vereint haben, sie waren ganzheitlich gereifte Menschen. Sie hatten Zugang zu den Qualitäten des Herzens und den des Verstandes. Sie waren kreative Denker, Außenseiter ihrer Zeit. Ganz gewiss waren diese keine überangepassten Menschen. Kreativität braucht Raum zum experimentieren. Das Genie braucht das Chaos, so wie die Ordnung.

Ganzheitliche Menschen brauchen eine Ausbildung beider Seiten.

Vielleicht sollte man Herr Stern mal fragen, wie er gelernt hat sich anzupassen? Das wäre eine interessante Frage. Wie kreativ ist eigentlich Herr Winterhoff? Hat nicht immer alles zwei Seiten?

In den Schulen meiner Kindheit, wurde keines meiner Talente gefördert. Ich wurde dort zu einem angepassten Menschen erzogen, der seinen eigenen Wert nicht kannte. Und obwohl ich Herrn Winterhoff bei allem was er postuliert zu stimme, hat die Anpassung an das System auch Nachteile, die wir bedenken sollten, wenn wir einen Mittelweg zwischen Freiheit und Disziplin, erwägen möchten. Ich habe unter meiner Anpassung gelitten, und doch bin ich gleichzeitig  froh, dass ich diese erlernt habe.

Deshalb musste ich so schmunzeln als ich die Diskussion im Fernsehn sah. Es war für mich als schließt sich hier und Heute ein Kreis in mir. Alle haben wiedermal gleichzeitig Recht. Vielleicht brauchen wir Menschen die fähig sind mehrere Perspektiven gleichermaßen in sich zu vereinen, ohne sich einseitig auf eine Seite zu stellen. Ich glaube wir müssen noch diffenrenzierter schauen lernen. 

Ich erlebe wie Kinder emotional verwahrlosen, die keine Grenzen kennen, weil ihre Bezugspersonen ihnen kein Gegenüber darstellen. Gleichzeitig sehe ich Kinder, die unter der Anpassung an das System sehr stark leiden, und ebenfalls emotional verwahrlosen, weil sie sich anpassen.

Die einzige Philosophie, die beide Seiten gleichermaßen anerkennt, ist die integrale Philosophie (Literatur: Ken Wilber, Marion Küstenmacher - Gott 9.0), die ich dem interessierten Leser an dieser Stelle empfehlen möchte.

Wir leiden darunter, dass unsere Welt von Gewalt und Unfreiheit geprägt ist. Die Unfreiheit, die uns in Deutschland am meisten betrifft, ist dass beide Eltern in Vollzeit am Arbeitsplatz sein müssen. Eltern haben nicht die Freiheit sich gut um ihre Kinder zu kümmern. Das hat unterschiedliche Gründe. Viele Eltern müssen so viel arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Dies wäre ein Punkt, an dem wir politisch ansetzten müssten, wenn wir das Wohl unserer Kinder im Auge hätten. Aber nur allzu oft schauen wir an diesem Problem vorbei.

Sehr oft geschieht emotionale Verwahrlosung aber auch, weil den Menschen der Lebensstandart und Werte wie Erfolg und Leistung, wichtiger sind, als die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder.

Dieses geschieht, weil Eltern selbst eine Geschichte mit emotionaler Verwahrlosung in sich tragen. Wer es nur so kennt, dass die eignene Eltern keine Zeit hatten, verhält sich dem eigenen Kind auch oft unbewusst abweisend, und wählt eine Beschäftigung, die wichtiger als das Kind ist. Nicht immer hat das überhaupt mit finanziellen Möglichkeiten oder dem Bildungshintergrund der Eltern zu tun.  Wenn man es nur so kennt, findet man dann auch ganztägige Fremdbetreuung völlig normal. Ich sehe jeden Tag in die Augen von Kindern, die ihre Eltern sehr vermissen. 

Und ich fragte mich warum Eltern nicht massenweise auf die Straße gehen und sich für das Wohl ihrer Kinder einsetzten. Ja warum tun sie das nicht?

Wenn sich Eltern in Vollzeit selbst verwirklichen wollen (wofür ich Verständnis habe), dann geht das auf Kosten der Kinder. Und Eltern werden sich ihren Kindern erst dann ganzen Herzens zuwenden können, wenn ihr eigener Schmerz gesehen und verheilt ist. Vielleicht werden Menschen dann auch bewusster darüber nachdenken, ob ein Kind überhaupt in ihre Lebensplanung passt. Eltern sein ist eigentlich ein Vollzeitjob. Ich kenne Kinder, die wie Objekte angeschafft werden, um die emotionale Leere in Erwachsenen zu füllen. Und für diese möchte ich an dieser Stelle sprechen.

Das Kind was Eltern ganztags fremdbetreut zurück lassen, ist in letzter Instanz der Teil ihres Selbst, dem sie sich nicht zuwenden wollen. Es ist ihr inneres Kind, welches sie nicht sehen wollen. Nicht immer sind es Harz IV Familien, die an den Bedürfnissen ihrer Kinder vorbei leben.

Und ich sage das so hart und klar, und unbequem, weil ich viele Kinder kenne, die schon einjährig aus diesen Gründen, ganztags fremd betreut werden. Und ich möchte einfach mal die Stimme erheben, für die die nicht gehört werden, weil sie noch zu schwach sind, um sich zu wehren. 

In dieser Zeit beginnen Kinder gerade erst stabilie Beziehungsmuster aufzubauen. Das können sie aber nicht, insbesondere bei dem Personalschlüssel in KiTas. Solange wir aber dazu neigen wegzuschauen, was die Fremdbetreuung und das Fehlen emotionaler Führsorge in den Herzen unserer Kinder anrichtet, werden wir weiterhin verhärtete Menschen produzieren, die wiederum es ganz normal finden, keinen Zugang zu ihren Emotionen zu haben.

Kinder beginnen den Zugang zu ihren Emotionen zu verschließen, wenn die keiner sehen will. Wir wundern uns, dass es an Empathie in unserer Welt fehlt. Aber wir ändern nichts an den Ursachen. Hier könnten wir etwas ändern.

Kinder in Deutschland leiden zur Zeit am meisten unter mangelnder emotionaler Zuwendung. Wir Lehrer und Erzieher können dieses nicht auffangen, wenn wir eine Gruppe mit 25 Kindern zu betreuen haben. Wir brauchen mehr qualifiziertes Personal in Bildungseinrichtungen. Oder Eltern müssen Chancen haben, ihr Kind wieder mher selbst erziehen zu dürfen. Wir brauchen mehr psychologische Aufklärung darüber was ein Kind in seiner Entwicklung braucht. Wir brauchen Politiker, die das beachten was Pädagogen zu diesem Thema sagen, die ihre Entscheidenung auf Grund des Wohles der Kinder treffen.  
Wir Menschen leiden unter einem Mangel an Liebe und Freiheit uns individuell entfalten zu dürfen. Deshalb erleben wir Unfrieden und Krieg. Kinder brauche Werte und auch Grenzen. Sie brauchen Menschen, die sie lieben, die Zeit für sie haben und Kinder ernst nehmen.

In wie fern wir Kinder mittels eines autoritären Systems ernst nehmen können, stelle ich in Frage. In wie fern wir Menschen zu verantwortungsvollen Mitgliedern einer Gemeinschaft erziehen können, ohne dass wir ihnen eine Autorität sind, stelle ich ebenfalls in Frage.

Vielleicht müssen wir noch sehr viel mehr über dieses Thema sprechen, bis wir eine Mitte gefunden haben, in der wir uns alle mit unseren Bedürfnissen wiederfinden.

Ich möchte dazu raten,  beide Seiten zu betrachten. Wir brauchen Chaos und Ordnung. Vielleicht setzt du mal die "Anpassung" auf einen Stuhl rechts neben dir, und die "Individualität" links neben dir auf den anderen Stuhl, und lässt sie einen Dialog führen.

Der Schlüssel für die Heilung der (unbewussten) Traumata aus der Kindheit war für mich die Bereitschaft, da hinzuschauen wo es weh tut. Ich hatte wohl das "Glück", dass ich meinen Schmerz noch spüren konnte. Viele Menschen können das nicht mehr. 

Meist möchte da aber niemand hinsehen. Und ich weiß, ich habe sehr unbequeme Dinge gesagt, die niemand hören möchte. Vielleicht ist die Bereitschaft da hinzuschauen, was man eigentlich nicht sehen hören, oder fühlen möchte, aber der erste Schritt, sich selbst und die Welt ein bisschen besser zu machen.

Vielleicht ist die Bereitschaft hinzuschauen, nicht eine Errungenschaft unseres persönlichen Selbst, sondern eine Fähigkeit, die wir irgendwo mal geschenkt bekommen haben. Manche nennen dieses Gnade. Nicht jedem ist diese Gnade Dinge bewusst zu sehen und zu fühlen, gegeben.

Nur wenn ich es so betrachte, kann ich Frieden damit finden, wie Kinder in unserer Welt behandelt werden, denn ich muss ihnen täglich in die Augen schauen, ohne ihnen wirklich helfen zu können, denn was sich für sie tun kann, ist wie ein Tropfen Wasser  auf einen heissen Stein. 
Ich sehe ihre Sehnsucht nach Liebe. Ich sehe ihren Schmerz, ihre Einsamkeit. Ich sehe mich selbst in ihnen. 
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RE: Kinderherzen
#2
25.05.2019, 07:13
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Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob die "Selbstentfremdung" nicht machtpolitisch so gewollt ist.

Auf der einen Seite muss Geld vorhanden sein, damit Eltern sich ihren eigenen Kindern und nicht nur ihrem Job zuwenden können. Auf der anderen Seite gibt es eine gesellschaftliche Forderung nach Leistung in der Form, Geld nicht nur für sich selber zu erwirtschaften, sondern damit auch staatlich, für das Gemeinschaftswohl zu sorgen. Natürlich gibt es Vieles, das die Gemeinschaft mittragen muss, es gibt auch sinnvoll eingesetzte Steuergelder.

Das Interessante an der Sache ist, dass gerade bei den Geldern bzw. Löhnen, der in den sozialen Berufen tätigen Menschen gespart wird und diese, wie Du so schön aufklärst, die Not der Kinder auffangen sollen.
Hier arbeiten dann viele mit dem sogenannten "Helfersyndrom" und evtl. Schuldkomplexen oder anderweitig hohem Verantwortungsgefühl bis zum Burnout unter Verzicht entsprechend gewertschätzt und für ihren Einsatz entlohnt zu werden. Gleichzeitig bekommen sie sämtliche Emotionen ab, die sonst unter Zeitdruck der Belastung und den leistungsmäßigen Anforderungen des Alltags unter den Tisch gekehrt werden müssen. Die Erlebnisse und Erfahrungen nehmen sie mit nach Hause und das Abschalten oder Ignorieren dessen fällt nicht leicht, wird aber wiederum auch erwartet, um bald wieder einsatzbereit - ohne Murren "zur Verfügung zu stehen" - wie ein "Soldat" bzw. wie ein "Objekt". - Auch die "sozialen Diener" kommen nicht zu sich selbst.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Schule ursprünglich eigentlich eine militärische Einrichtung gewesen sei.
Dort, wo Bildung fehlt, ist sie heute jedoch ein Geschenk. 
Es kommt ja auch immer darauf an, was gelehrt wird bzw. "gelernt" werden soll.
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RE: Kinderherzen
#3
25.05.2019, 07:45 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.05.2019, 07:48 von Lucinda.)
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Ich hatte zu dieser Thematik letztes Jahr einen "Traum", über den ich selber in seiner symbolischen Aussagekraft ganz überrascht war. big

Fremdgesteuert und imprägniert

… Ich bin beruflich in einem bestimmten Raum, die Tür steht bereits auf, die Zeit ist eigentlich schon längst um. Dennoch müssen wir noch warten, bis die Erlaubnis dazu gegeben wird. Alle sitzen steif und roboterartig an ihren Tischen. Es wirkt eher wie ein düsterer Maschinenraum als ein Raum mit jungen, lebendigen Menschen. Im Hintergrund erkenne ich drahtige Gerätschaften und metallische Greifarme. 
Ich ärgere mich über den Drill zum Gehorsam und das scheinbare Denkverbot. Ein Einzelner versucht aufzustehen und zappelt bereits unruhig mit seinen Beinen unter dem Tisch.

Im Anschluss gehe ich über den sonnigen Hof an spielenden Kindern, einer Jungengruppe vorbei, die gerade versucht, über den Zaun zu klettern. Ich denke, es ist nicht meine Aufgabe, sie daran zu hindern, sollen das doch die dafür Zuständigen erledigen. Außerdem haben die Kinder doch völlig recht, dass sie ausbrechen, wenn sie hier über die Zeit hinaus festgehalten werden. Ich verstehe sie da vollkommen und freue mich sogar eher darüber, dass sie es tun.
Vor einem anderen Gebäude treffe ich eine Frau, die gerade im benannten Raum mit dabei war und unterhalte mich mit ihr. Ich teile ihr mit, dass ich den Beruf zwar nicht mit „richtig“ vollem Herzen ausübe, aber dennoch gerne hier sei und meine Arbeit mag. Ich erkläre ihr, dass meine Kritik sich eher auf die Arbeitsbedingungen drumherum beziehe, die nicht so „prickelnd“ und ihr unbekannt sind. Obwohl ich denke, etwas Positives geäußert zu haben, werde ich eines Besseren belehrt, und diese Frau versucht mich zu bekehren, mit wirklich „vollem Herzen“ dabei sein zu müssen. Ich denke darüber nach, dass ich eigentlich hätte bereits nach Hause gehen können und stattdessen meine Freizeit dafür geopfert habe, dass mich wieder einmal jemand Fremdes mit seinen Ansichten darüber belehrt, was ich eigentlich denken solle.
Anfänglich glaubte ich, diese Frau wolle sich fachlich mit mir austauschen, was jedoch nicht der Fall ist. Ich verabschiede mich schnell, um nicht noch mehr Zeit zu vertun und gehe ins Gebäude hinein.

In dem „Aufenthalts- und Büroraum“ sehe ich eine nette, mir bekannte Person, die den Wortwechsel mitbekommen hat. Sie meint dazu, dass ich mich doch nicht auf derartige Gespräche einlassen solle. Sie glaubt, dass ich dazu neige, mich da schnell zu rechtfertigen und in so etwas verwickeln zu lassen. Sie äußert auch, dass die Person das doch gar nichts anginge. Für das Gespräch bin ich ihr dankbar.

Zur Tür schneit eine mir andere bekannte dynamische Person hinein, die über Wespenstiche berichtet. Ich erzähle ihr von meinem „Wespenstich“, den ich gerade erhalten habe.
Sie wirft uns forsch einen Frühstücksbeutel entgegen, in dem sich Wespenenden mit herausragenden Stacheln befinden. Diese schüttet sie auf den Tisch und meint, man müsse sich hier mit Wespengift grundimmunisieren, sonst halte man es hier nicht aus. Ich bin zwar nicht in ihrer Rolle, kann mir das aber gut vorstellen. Sie bemerkt, dass man in diesem Job eine hinreichende Portion „Wespengift“ benötige. Sie will sich gleich davon etwas mit einer Spritze nehmen. Ich überlege, ob man sich die Giftstacheln nicht auch direkt auf die Haut setzen könne. Mich will sie sodann auch damit behandeln, was ich allerdings nicht möchte. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass so eine Dosis „Wespengift“ ganz nützlich ist in dem Beruf. Sie meint noch, dass das auch gegen Entzündungen wirke und merkt an, dass ich dies auch auf die Haut auf den Stich direkt auftragen könne. Ich entscheide mich gerade dafür, das zu tun.

Doch dann schaue ich durch das Fenster in die Dunkelheit hinaus und erkenne auf dem schlammigen Gelände aggressiv und unkoordiniert Lastwagen im Zickzack auf das Gebäude zusteuern. In dem Moment muss ich an den Stephen-King-Film „Rhea M“ denken. Irgendwie finde ich das spannend und überlege noch, dass ich die Wagen doch mittels Gedanken steuern könne. Ich mache die beiden Frauen darauf aufmerksam, dass die Laster und andere Fahrzeuge das Gebäude rammen wollen. Sodann durchbrechen sie bereits die Mauern. Im Eingangsbereich und außerhalb des Gebäudes rennen schreiend Erwachsene und Kinder durcheinander. Ich denke noch, na so musste es ja irgendwann kommen… Das war ja abzusehen. 
Ich mache einen Satz aus dem zusammenstürzenden Gebäude hinaus in die Luft und versuche hinaufsteigend zu entkommen. Als ich merke, dass ich weit über den Baumwipfeln fliege, komme ich auf den Boden zurück und schwinge mich einigen Kindern hinterher über eine Mauer. Dahinter befindet sich ein leichter Abhang hinunter auf eine Wiese. Den Abhang entlang folgen mir fliegend automatisierte Jugendliche, die bereits fremdgesteuert werden. Sie haben keine eigene Persönlichkeit mehr, sondern sind zu Robotern mutiert, die andere fangen und ihnen dasselbe „antun“ wollen bzw. diese ebenso „imprägnieren“ sollen. Gerade kommt einer mit seinem silber-metallischen, bumerangähnlichen Arm auf mich zugesteuert. In diesem Moment erwache ich.
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RE: Kinderherzen
#4
27.05.2019, 19:20
Wow ist ja ein umfangreicher Traum. Was bedeutet er für dich?
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RE: Kinderherzen
#5
28.05.2019, 16:30
(27.05.2019, 19:20)ichbinmehr schrieb: Wow ist ja ein umfangreicher Traum. Was bedeutet er für dich?
Die lebendige, gefühlvolle, natürliche Persönlichkeit soll durch künstliche Ersatzteile unterbunden werden, um fremdgesteuerte Automaten zu erhalten, die letztlich "seelenlos" selber in Aktion treten, um noch "Eigenwillige" umzuprogrammieren.   fluecht 

Die noch vorhandene eigene Empfindsamkeit kann durch künstlich zugeführtes Wespengift "geheilt" werden. Damit man den Zustand, so wie er ist, aushält.  surprised

Möglicherweise hatte ich zu der Zeit etwas über Chip-Implantate an Menschen gesehen.  fear
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RE: Kinderherzen
#6
28.05.2019, 18:25
Habe gerade einen youtube-Clip über Nano-Roboter entdeckt, der irgendwie zu dem Traum passt:  alter.png
 
https://www.youtube.com/watch?v=DhmYJfkT-9I&t=1s
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RE: Kinderherzen
#7
28.05.2019, 19:05
[+] 1 User sagt Danke! Mrs. Mortisaga für diesen Beitrag
Heute geht es um die Frage, wie wollen wir unsere Kinder zu ganzheitlichen Persönlichkeiten erziehen?


Ich finde die Frage sehr interessant und möchte mal aus meiner (fachlichen sowie erfahrungsbezogenen/ persönlichen) Sichtweise etwas dazu fließen lassen. Zuerst umreiße ich kurz, was ich unter einer "ganzheitlichen Persönlichkeit" verstehe, damit klar ist, was ich hier sinniere. Eine ganzheitliche Persönlichkeit zeichnet sich für mich allem voran durch eine zuträgliche und als persönlich angenehm wahrgenommene Selbstabgrenzung sowie Zugehörigkeit zu Gruppen/ einer Gruppe dar. Eine ganzheitliche Persönlichkeit ist in der Lage, sich und andere zu reflektieren, zwischenmenschliche Kommunikation gewinnbringend, lustvoll sowie lösungsorientiert zu praktizieren. Menschen mit ganzheitlicher Persönlichkeit sind in der Lage, sich selbst durch und mit anderen Individuen weiterzuentwickeln, dadurch, dass sie grundsätzlich empathisch und selbstbezogen sein können und sich abgrenzen können, um verantwortungsbewusst für sich selbst sorgen zu können. Um das zu vollbringen, muss der Mensch sich selbst in anderen erkennen können und ebenso die anderen in sich erkennen, ansonsten droht er im Außen verloren zu gehen oder sich exzentrisch in sein Inneres zu kehren, sodass eine Stagnation der Persönlichkeit die Folge wäre. Eine ganzheitliche Persönlichkeit vereint eine Mäßigkeit und einen verantwortungsvollen Umgang mit Emotionen und Bedürfnissen in sich und handelt nach einer individuellen, ethischen Grundlage, die auch das Wohlbefinden anderer Menschen mitdenkt.
 
Nun stellt sich ja die Frage, wie man ein Kind erzieht, damit es eben zu dieser Art von Mensch werden kann. Dazu vorerst mein Verständnis von Erziehung: Sie ist weder aktive Formung noch passives Wachsen-Lassen, sie ist Aussäen. Der Nährboden liegt in jedem menschlichen Wesen von Anfang an, er ist die Plastizität des Gehirns und des gesamten Organismus, körperlich sowie seelisch. Der Mensch nimmt seine körperliche und seelische Form abhängig von der Saat und Umgebung an. Der Erzieher (im klassischen Sinne so benannt) ist derjenige, der sät, indem er selbst ist, wer er geworden ist. Durch sein Fühlen, Denken und Handeln sät er etwas aus, das beim Zögling (im klassischen Sinne so benannt) Form annehmen kann. Und es kann, weil es nicht muss und zu einer ganz bestimmten Form wird es doch ganz sicher führen.
 
Die Kinder tragen die Stärken und Schwächen der Erwachsenen in sich, die sie erziehen, was ja auch schon im Wort Er-Ziehung steckt. Der Erzieher zieht an seinem Zögling, indem er sich be-zieht. Eine ganzheitliche Persönlichkeit kann vielleicht die Früchte für eine ebenso ganzheitliche Persönlichkeit säen. Es gibt viele Einflüsse auf den Zögling und ihr kompliziertes Zusammenwirken ist wohl kaum zu durchschauen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Ängstliche Erzieher verstärken auch die Angst im Zögling und daraus muss ich schließen, dass ganzheitliche Erzieher auch die Ganzheitlichkeit beziehungsweise das Potential dazu, in ihrem Zögling verstärken. Es darf nicht um eine Verminderung des vermeintlich schlechten Verhaltens gehen, sondern um eine Verstärkung des ganzheitlichen Potentials.
 
Komme ich zum Thema KiTa, Schule u. Ä. Erstmal vorweg, die Arbeitsbedingungen sind schlecht und das waren sie schon immer und werden es auch immer sein. Aus folgendem Grund: Die Erziehung zur Mündigkeit ist ein Widerspruch und die Schule vereint ihn in ihrer institutionellen Ausprägung sehr präzise. Könnte man jemanden „mündig machen“, so wäre er wieder nur „gemacht“ und gelebt von äußeren Fremdeinflüssen. Hier liegt das Problem. Niemand kann jemand anderen mündig machen, wohl aber unmündig und hier liegt meiner Meinung nach der Schlüssel. Das Unmündigsein geschieht allein durch die unvermeidbare Abhängigkeit des Kindes vom Erwachsenen; es ist körperlich sowie emotional abhängig. In der Schule hat es feste Abläufe zu vollbringen, diese und jene Lernschritte zu tun und sich an die Klassengemeinschaft anzupassen. Ich möchte keine Bewertung vornehmen; Anpassung sowie Freimachung sind gleichermaßen von Bedeutung. Jemand, der sich zwischenmenschlich nicht unter/einordnen kann, kann auch keine Führung übernehmen, weder über andere noch über sich selbst. Die Mündigkeit (die ja die ganzheitliche Persönlichkeit in sich entwickelt hat), kann nur aus dem Erleben der Un-Mündigkeit er-wachsen. Da wären wir wieder bei „erwachsen“, etwas er-wächst und bildet sich heraus aus einem vorherrschenden Zustand der Un-Erwachsenheit.

Der Widerspruch ist nicht aufzulösen. Und was mit Kindern geschieht, die im Kindesalter entscheiden und handeln dürfen, wie Erwachsene, verlieren sich, da sie keine Grenzen spüren und somit sich selbst nicht spüren. Ihnen fehlt die begrenzende, wohlführende Resonanz des Außen auf ihr Inneres, die ihnen Orientierung ermöglicht. Das Er-Wachsen ist ein Prozess, der nicht in die Kindheit vorgezogen werden kann, ohne Schäden zu hinterlassen. Und aus eigener Erfahrung möchte ich hinzufügen: Mündig-Werden ist hart für mich, da vieles in mir gesät wurde, dass mir die Abgrenzung und das Erwachsen-Werden erschwert. Und vielleicht brauche ich genau das, um den Gewinn der Mündigkeit noch deutlicher zu spüren und die Ganzheitlichkeit in mir er-wachsen zu lassen.
 
Danke für die tiefreichende Fragestellung, Steffi!
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