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Juckreiz und Kratzen

Juckreiz und Kratzen
#1
02.11.2017, 12:09 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 02.11.2017, 12:12 von Rhetor.)
Wieso führt, einem Juckreiz nachzugeben und sich an der entsprechenden Stelle zu kratzen, oftmals zu einem nicht unerheblichen Lustgefühl, sogar, oder gerade dann, wenn man damit die Haut schädigt und die evt. zugrundeliegende medizinische Kondition (z.B. Psoriasis oder Neurodermitis) eindeutig verschlimmert?

Edit: Verschiedenste Erklärungsansätze willkommen! (Und ich habe selbst keine Ahnung, deshalb frage ich hier einfach so unverblümt grin )
Mein Klartraum-Roman:      Finja – Bedeutsame Begegnungen


Wenn ich nicht möchte, dass man mir widerspricht, behalte ich meine Meinung für mich.
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RE: Juckreiz und Kratzen
#2
02.11.2017, 19:26
Die Dinge gehen einem „unter die Haut“ – und, dort eingeschlossen, drängen sie auch wieder heraus, sodass man manchmal vielleicht auch ganz gerne ein paar Löcher kratzt, damit das funktioniert…
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RE: Juckreiz und Kratzen
#3
02.11.2017, 21:10
Ich vermute, die Lust am Kratzen ist die übersteigerte Form des Instinktes zur Körperhygiene.
Vielleicht war es evolutionsmäßig erfolgreicher, sich Parasiten durch heftiges Kratzen von Hals zu schaffen, auch wenn man sich dabei selbst verletzt.
Vermutlich war die Haut unserer im Freien lebenden Vorfahren auch unempfindlicher, so dass das Kratzbedürfnis nicht so schnell zu Verletzungen geführt hat.
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RE: Juckreiz und Kratzen
#4
02.11.2017, 22:08
Spannende Frage!

Ich habe folgende Quellen gefunden:

http://m.focus.de/gesundheit/ratgeber/ha...36062.html
Zitat:Die wohltuende Wirkung des Kratzens ist eine alltägliche Erfahrung – und selbst wenn das Blut aus aufgekratzten Hautpartien fließt, überwiegt oft die Erleichterung. Auf der Suche nach den Hintergründen untersuchten die Wissenschaftler der Wake Forest University in Winston-Salem 13 Freiwillige in einem Magnetresonanztomographen. Während das Gerät die Hirnaktivität aufzeichnete, kratzten die Forscher die Freiwilligen fünf MInuten lang in 30-sekündigen Intervallen am Unterschenkel.

Dabei zeigte sich, dass Kratzen nicht nur die betroffene Hautpartie beeinflusst, sondern auch die mit dem Juckreiz verbundene negative Emotion im Gehirn lindert. Die Aktivität in zwei Bereichen der Großhirnrinde senkte sich deutlich: im vorderen und im hinteren cingulären Cortex. Das erste Hirnareal ist mit dem Gefühl der Aversion gegen unangenehme Sinneswahrnehmungen verbunden, das zweite mit Erinnerungen. Die Aktivitäten in diesen Regionen waren dann besonders gering, wenn sich das Kratzen für die Testpersonen am intensivsten anfühlte. Kratzen löschte also sozusagen kurzzeitig die Abneigung und die Erinnerung an den unangenehmen Juckreiz aus.

Kratzzwang contra Schmerzempfinden

Eine erhöhte Aktivität beobachteten die Forscher hingegen in zwei weiteren Regionen des Cortex. Diese Areale steuern Schmerzempfindung und Zwangsverhalten – was erklären würde, warum viele Menschen mit dem Kratzen nicht mehr aufhören können und Schmerz dabei eher zweitrangig wahrnehmen.

TLDR; Kratzen hemmt negative Emotionen, die der Juckreiz mit sich bringt.

Andere gehen so in die Richtung von Ver366:

http://m.spiegel.de/lebenundlernen/schul...84732.html
Zitat:Sticht die Mücke zu, ist der Hautkitzel kaum auszuhalten. Kratzen und Zwicken tun gut, der Juckreiz wird kurzzeitig besser. Aber wieso hilft es eigentlich, die Haut mit den Fingernägeln zu bearbeiten?

Gegen Mücken ist man ziemlich machtlos. Kommt das Biest zu Besuch, merkt man das meist erst beim Abflug - dann kann es höllisch jucken. Kratzen hilft sofort. Der einfache Grund: Schmerzimpulse werden etwas schneller zum Rückenmark geleitet als Juckreize. So wird das Jucken vom Schmerz überdeckt, die Hand wandert nicht zum Stich.

Vermutlich ist der Juckreiz ursprünglich als eine Warnung vor Insekten und anderen Tieren angelegt. Man kratzt, die Mücke ist weg. "Mit dem Wohlgefühl, dass man beim Kratzen empfindet, belohnt sich der Körper möglicherweise für diese schnelle Reaktion", erklärt Sonja Ständer, Leiterin der Juckreiz-Ambulanz an der Hautklinik der Universität Münster.

TLDR; Schmerz überdeckt den Juckreiz und der Körper belohnt die schnelle Reaktion. Vermutlich.
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RE: Juckreiz und Kratzen
#5
03.11.2017, 11:21
Diese körperlichen Komponenten spielen sicher eine Rolle, überzeugend ist natürlich das Gefühl der Erleichterung, das man mit dem Kratzen empfindet.
Bei Insektenstichen stellen sich wahrscheinlich auch nicht so viele Fragen. Bei Hautkrankheiten finde ich es schon etwas schwieriger, das Phänomen der Lust zu erklären – der Schmerz überschreitet dann ja auch irgendwann eine Grenze noch erträglich zu sein.
Ein anderes Beispiel wäre, dass der Juckreiz auch einfach so auftritt – ohne einen direkt erkennbaren Grund. Bei der Schizophrenie gibt es dieses Juckreiz-Phänomen (ich hab dazu aber jetzt nicht näher recherchiert).
Oder Z.B. auch wenn wir einschlafen, bei einem WILD-Versuch. Ich weiß nicht mehr wo, aber dazu habe ich mal eine Erklärung gelesen, dass es um eine Selbstüberprüfung geht, geprüft werden soll, ob der Schlafzustand bereit eingetreten ist, oder man noch wach ist.

Um eine psychische Sichtweise noch zu ergänzen, wie ich das oben mit Blick aufs Unbewusste (oder auch nur Nichtbewusste) versucht habe, die Lust mit dem Kratzen trotz Schmerzen - könnte auch auf einer psychischen Ebene mit Erleichterung zu tun habe:

Die Haut steht in der Mitte zwischen Innen- und Außenwelt, oder wie eine physische Grenze, als Schirm, Abschirmung, Schutz, aber auch als Berührungsfläche, sie lässt auch etwas durch. Der Körperkontakt und die gegenseitige Berührung mit der bloßen Haut sind enorm wichtig fürs Wohlbefinden. Schläge empfängt man über die Haut. Lust- und Unlustgefühle sind lebensgeschichtlich beide mit der Empfindung über die Haut verknüpft.
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RE: Juckreiz und Kratzen
#6
07.11.2017, 15:32
Kratzen fördert die Durchblutung, was den Heilungsprozess beschleunigt. Evolutionsgeschichtlich macht es also Sinn, uns für das Kratzen zu belohnen. Besonders wenn jemand anderes kratzt und nicht man selbst, ist das Lustgefühl groß. Denn das erzeugt Bindung und Zusammenhalt. Aber deine Frage war: warum macht es trotzdem (noch) Spaß, wenn es eigentlich eindeutig schädlich ist wie bei Neurodermitis und man sich dabei selbst verletzt.

Genauso könntest du fragen: warum macht es Spaß, Zucker zu essen, wenn er doch ungesund ist, oder: warum bringt es Lust/Erleichterung zu rauchen, zu trinken, Drogen zu nehmen? Warum macht es Spaß, Dinge zu tun, die uns schädigen? Und warum machen manche Dinge, die gut für uns sind, keinen Spaß?

Ich glaube, das ist das Erbe unserer Entwicklung, der Evolution. Wenn man weiter fragt, könnte man auch fragen: warum empfinden wir überhaupt Lust/Unlust? Da ist man dann schnell beim Sinn des Lebens. Und diese Frage ist schwierig zu beantworten, nichtsdestotrotz hat ein großer Dichter und Denker unserer Zeit es bereits getan:

Des Lebens Art und Sinn ist Fühlen
Ursache und Zweck zugleich
Versuche nicht zu unterkühlen
Emotionen machen reich.

Wenn man immer nur Lust empfinden würde, wenn man auf dem "richtigen" Weg ist und immer nur Unlust, wenn man etwas "Falsches" tut, dann wäre das Leben ganz schön langweilig... bigwink
Oneironaut und Klartraumforscher Abenteuer eines Traumfahrers
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RE: Juckreiz und Kratzen
#7
07.11.2017, 15:57 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.11.2017, 16:35 von ichbinmehr.)
Ich habe auch so eine Stelle, an der ich mich chronisch kratze. Die ist entstanden als ein Kind im Kindergarten immer wieder Läuse hatte und ich mich geekelt hatte, weil das Kind auf meinen Schoß wollte. Weil ich mich geärgert hatte über unsere Vorgesetzten die erlaubten das das Kind die KiTa besuchen darf. Ich musste mich abgrenzen und vor Ansteckung schützen und ich habe mich (unbewusst, und das war der springende Punkt) dafür verurteilt, weil es eben ein Kind war, dass wenig Zuwendung von zu Hause erfahren hatte und nicht mal ein Läuseshampoo bekam. Wenn im KiGa Läuse waren, haben wir Erzieher uns aus chronischer Angst von Ansteckung ständig gekratzt. Und seit dem Vorfall mit dem Jungen ist es geblieben, obwohl ich noch nie Läuse hatte. Es ist psychisch.

Das ist jetzt schon 10 Jahre oder so her und ich kratze mich immer noch gewohnheitsmäßig an der Stelle (Hinterkopf, unter den Haaren). Bei Stress wird es schlimmer, dann kann es richtig blutig werden, bis hin zu starken Schmerzen von den Verletzungen. Vor allem weil ich nachts kratze, denn da gibt es keine Kontrolle vom Wachbewusstein. In dem Kratzen spüre ich ein Gefühl der Unruhe, der Unsicherheit und auch der Lust an Unkontrolliertheit. Es ist ein Zusammenspiel von Kitzeln und Lust an Aggression, und an einem Gefühl von Freiheit.  Es ist auch ein Form der Autoagression. Es ist die Lust zu zerstören, die unbewusst ist und sich deshalb selbst zugefügt wird. Es gab ja eine nach Aussen gerichtete Wut, die nicht ausgedrückt werden konnte, also hat sie sich nach innen gerichtet. Dann denke ich kommt bei mir noch dazu, dass meine Mutter so Marotten wie Fingernägekauen, Kratzen, etc immer als störend empfunden hat und ich da sehr stark gemaßregelt wurde. So stark dass ich bei fremden Menschen wie erstarrt bin vor lauter Körperkontrolle. Und so ist das Kratzen eben ein Ausgleich, ein art rebellischer Ausdruck von: ich habe jetzt sowas von Lust das zu tun und es ist mir egal, dass ich mich verletze. Es ist eigentlich ein ganzer Stapel aus Konditionierungen von mir, die das verursachen was man dann Neurodermitis nennt und Salbe drauf schmiert, als ob das helfen würde gegen die psychischen Ursachen.

Interessanter Weise wurde es besser, als ich die Ursache mit dem Urteil über den Ekel erkannt hatte. Es ist mir auf einmal vor ein paar Monaten eingefallen. Es ist dennoch eine Anti Stress Handlung, die einmal angewöhnt, mühsam abzugewöhnen ist. Ich glaube man muss etwas finden, was einem ersatzweise, diese Lustgefühle oder auch die Möglichkeit zur Aggressionsausübung gibt. Und vielleicht muss man es erstmal schätzen, und den Sinn dieser Handlung erkennen, denn das Kratzen hat mir in akuten Stresssituationen phsychische Entlastung gebracht.
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RE: Juckreiz und Kratzen
#8
07.11.2017, 18:17
Danke an alle für die vielen Antworten und zum Teil sehr interessanten Gedanken normal
Ich hoffe, dass ich demnächst auch mal Zeit und Bock haben werde, auf einige davon konkret einzugehen.
Mein Klartraum-Roman:      Finja – Bedeutsame Begegnungen


Wenn ich nicht möchte, dass man mir widerspricht, behalte ich meine Meinung für mich.
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