Klartraumforum

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"Traumatisiert logisch, so der Youtuber "Marcus Jähn":
Habe gerade eine kurzes, sachliches Video auf Youtube gefunden zu der Thematik "Trauma und erlernte Hilflosigkeit" - anhand damalig durchgeführter, leider unschöner Tierversuche mittels Elektroschock.
Es um darum, Erklärungen zu finden, warum Traumatisierte das ihnen Bekannte bzw. Erlebte neuerlich aufsuchen, bzw. um die "erlernte Hilflosigkeit" (Martin Seligman).
Zuflucht in vertraute Situationen, wieso ist das so: Bessel van der Kolk
Und darum, dass nicht nur Sprechtherapie sondern ebenso Körpertherapie nötig ist wie z. B. Somatic Experience.

Zitat:Nuevo: Es geht mir darum, trotz kritischer und belastender Lebenssituationen, einen gesunden Umgang mit Stress im Allgemeinen zu haben bzw. zu erreichen. Zum Beispiel, dass ich nicht so schnell in ein Gedankenkarusell, in eine Abwärtsspirale, gerate, die mich krank macht und/oder meine Lebensqualität einschränkt.

Ja verstehe.

Ich habe ein kleines Problem. Ich hatte letzten schon begonnen zu antworten aber ich bin nicht mehr sicher, welches Zitat vom wem genau kam. Ich weiß es waren auf jedenfall Laura und Lucinda. Ich hoffe ich bringe nichts durcheinander. Wenn ja - dann sorry.

Zitat:Ein Supervisor benannte es mal treffend als "Beißhemmung".

Das verstehe ich sehr gut. Immer wenn ich wütend bin und das nicht bewusst merke, verhärtet sich meine Nackenmuskulatur, mein Kiefer und dieser Impuls zu beißen, zieht dann oft bis in den Kopf und führt zu Migräne.

Ich habe auch festgestellt, ich esse oft etwas wenn ich wütend bin, um meine Wut zu unterdrücken.

Kleine Kinder erfühlen und ertasten ja anfangs alles mit dem Mund. Das nennt sich laut Freud orale Phase. Im Kindergarten habe ich in der Gruppe der 1- 3 jährigen sehr häufig beobachtet, dass Kleinkinder im Konflikfall beißen.

Dass Kinder sich mit ihren Händen wehren und schlagen, sieht man meist erst später, denn in der oralen Phase erfährt sich das Kind eben als orales Wesen. Die Erkenntnis, ich habe Hände und kann handeln, ist das noch nicht gefallen.  Es wurde mir auch nie beigebracht, dass ich handeln kann. Mir wurde beigebracht alles auszuhalten. Dafür gibt es ja nach der Phase mit dem Handeln mit den Händen, nochmal die Phase mit dem Mund - ich kann sprechen. Ich kann mich mitteilen.

Zitat:Vermutlich verhält man sich so, wenn man mit solchen angespannten Zuständen bereits aufgewachsen ist, damit rechnen zu müssen, dass das angreifende Gegenüber noch ärgerlicher werden könnte.

Ja genau, das ist eine Schutzhandlung, immer Verständnis zu haben. So nach dem Motto, meine arme Mama kann nicht anders, sie hatte auch ja so ein schweres Leben.

Irgendwie scheint der Weg ins wehrhafte und selbstbestimmte Ich, durch lebensbedrohliche Ängste gehemmt zu sein, weil man es ja immer so erfahren hat, wenn ich mich wehre, erfahre ich erneute Gewalt und Ohnmacht.

Zitat:Mein Vater hat meine Mutter oft angebrüllt, glücklicherweise musste ich ihn meist nur am Wochenende treffen.

Mein Vater hat mich oft irgendwelche Dinge abgefragt, von denen er meinte, dass man das doch wissen müsse, z. B. irgendwelche Dichter, obwohl er inhaltlich selber wohl gar nicht deren Werke kannte.
Er hat oft den Kopf über mich geschüttelt, weil ich bestimmte von ihm benannte Abfragen nicht beantworten konnte.

Falls ich im Auto einschlief, hatte ich ebenso seine Abfragen zu beantworten.
Ich wurde gemaßregelt damit, dass ich wohl ein Blackout hätte.


Es tut mir leid, dass du das erlebt hast. Ich kenne selbst auch die Angst vor Blackouts, und du hast mir gerade bewusst gemacht, wo das auch bei mir kommt. Danke dass du offen von dem Beispiel erzählt hast.

Zitat:Faulheit ist für mich eine abfällige Bewertung, die dazu dient, das Gegenüber klein zu machen, zu entwerten und gefügig zu machen.

thumbsu

Ja das sehe ich auch so.

Selbst wenn ich an einen faulen Stereotypen denken, nehmen wir mal einen faulen Jugendlichen, dann wird dieser vermutlich gute Gründe haben, sich so zu verhalten. Ich glaube nämlich dass man Kinder immer motivieren kann, wenn man sie ernst nimmt und innerhalb ihrer Individualität berücksichtigt. Zumindest habe ich das in meiner Arbeit mit Kindern so erfahren.

Menschen die das aber nicht schaffen (ernst nehmen + innerhalb der Individualität beachten) die machen es sich dann oft einfach und nennen jemand Faul. Das ist leicht. Man schiebt damit aber auch die Verantwortung von sich weg. Ich glaube es gibt keine schlechten Schüler - nur schlechte Lehrer.

Ich wurde auch immer Faul genannt, zb wenn ich Rückzug oder Geborgenheit gesucht habe oder als Kind gespielt habe, wie es Kinder tun sollten. Meine Mutter durfte als Kind nicht spielen. Sie hatte daher nur wenig Verständnis für das kindliche Spiel. Sie selbst hatte keine Ruhe. Sie musste immer etwas tun, weil sie die Umnruhe in sich selbst nicht aushalten konnte.

Sie musste schon früh arbeiten und ihr inneres Kind in sich töten. Aus ihrer Sicht bestand das ganze Leben aus Arbeit, und deshalb war aus ihrer Perspektive jeder andere, der die Arbeit nicht zu Mittelpunkt seines Lebens gemacht hatte = Faul.

Das hatte sicher auch etwas damit zu tun, dass die Generation meiner Eltern, ihr Selbstwertgefühl vermutlich zu einem großen Anteil über Arbeit definiert hat und vielleicht musste sie so hart arbeiten, um das Land (meine Eltern sind während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren) wieder aufzubauen.

Ich habe den Begriff Faulheit auch aus meinem Sprachgebrauch gestrichen. Jeder Faulheit liegen Bedürfnisse inne, die vielleicht Bedürfnisse noch nicht verstanden wurden. Bedürfnisse zu denene man noch keinen Zugang hat.

Bei mir sind es oft Bedürfnisse nach Schutz, Ruhe, Geborgenheit und Angst, die mich untätig machen. Aber das hat nichts mit Faulheit zu tun. Es gibt keine Faulheit. Ich musste total lachen, als ich das erkannt hatte. Damit vielen auch alle Selbstverurteilungen an der Stelle für mich weg.


Zitat:Erwartungen können die Leute viele haben.

Zitat:Insbesondere gibt es ja die Dinge, wo einer meint, das könne man doch mal für ihn / sie tun, es sei ja "nur" eine Kleinigkeit. Ja, so gibt es viele Leute mit allerhand Kleinigkeiten bzw. Erwartungen und Ansprüchen, die sich summieren.

Ja. Und wie grenzt du dich von solchen Erwartungen ab? Und wird deine Abgrenzung immer respektiert?

Ich glaube das ist ja mein Hauptproblem, dass meine Abgrenzungsversuche nicht respektiert wurden. Ich wurde dafür bestraft und die Ohnmachtserfahrung ist ja um so größer, wenn man sich abgrenzt und man einfach irgnoriert wird.

Ich habe sogar einmal meinen Vater aus meiner Wohnung werfen müssen, damit er mich überhaupt einmal wahrnimmt. Denn vorher hat er mich immer wieder übergangen. Meine Eltern waren in einem kindlichen Egozentrismus gefangen, und sie haben außer ihrer eigenen Agenda nichts wahrgenommen. Sie sind das Paredabeispiel für absoluten Tiefschlaf.

Nichts von dem was ich ihm gesagt habe, hat er ernst genommen. Ich habe mehrfach gesagt. Dreo viel Mal sagte ich das selbe zu ihm. Er hat einfach nicht reagiert. Diese Aktion ihn aus der Wohnung zu werfen hat ihn für einen kurzen Moment wach gerüttelt. Aber er ist gleich kurze zeit später wieder eingeschlafen. Einen Monat später hatte er schon wieder vergessen, worum ich ihn geben habe und es ging alles wieder von vorne los. Das ist das was mich so ohnmächtig macht, dass alles was ich versucht hatte, nie funktioniert hatte.

Meine Mutter hat mich immer mit Liebesentzug und schwersten manipulativen Anschuldigen und Ressorcenentzug bestraft, wenn ich meine Grenzen zum Ausdruck gebracht habe. Das sitzt leider so tief in mir drin, dass ich immer wieder Angst habe mich abzugrenzen. Da ist es dann doch einfacher, für den anderen Verständnis zu haben und sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Ich hatte keine andere Wahl.

Ich habe versucht mich davor zu beschützen, indem ich gelernt habe alleine zu sein und unabhängig zu sein. Diese Fähigkeit bietet mir mittlerweile eine gewisse Souveränität mit Beziehungsabbrüchen umzugehen, aber traurig ist das trotzdem, denn es reißt immer wieder die selbe Wunde auf.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich bei meinen Schwieger - Familie zu besuch bin und dort erlebe wie die (erwachsenen) Kinder gleichberechtigt mit der Eltern auf Augenhöhe leben und jeder in seiner Individualität und Autonomie berücksichtigt wird und es trotzdem Verbundenheit gibt.


Ich habe mir noch mehr aufgeschrieben. Demnächst mehr. Sonst wirds wieder so ellen lang.
Zitat:Sie musste schon früh arbeiten und ihr inneres Kind in sich töten. Aus ihrer Sicht bestand das ganze Leben aus Arbeit, und deshalb war aus ihrer Perspektive jeder andere, der die Arbeit nicht zu Mittelpunkt seines Lebens gemacht hatte = Faul.

Das hatte sicher auch etwas damit zu tun, dass die Generation meiner Eltern, ihr Selbstwertgefühl vermutlich zu einem großen Anteil über Arbeit definiert hat und vielleicht musste sie so hart arbeiten, um das Land (meine Eltern sind während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren) wieder aufzubauen.

Vor längerer Zeit hatten wir hier doch schon mal das Thema "Kriegsenkel" (Sabine Bode und andere, transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen), Sigrid Chamberlain (Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind), Erziehung nach Johanna Haarer, was noch weit nach dieser Zeit Anwendung fand.

Hierbei geht es ums "Funktionieren".

Irgendwie hängen für mich Narzissmus und Nazismus miteinander zusammen.

War früher mal mehrere Jahre in einer Kriegsenkelgruppe.  wink1

http://www.forumkriegsenkel.de/Studie.htm

https://www.kriegsenkel.de/begriffsbedeu...phaenomen/
Ja Genau. Sabine Bode habe ich auch gelesen. Als Erzieherin habe ich ja sowieso ein grundlegendes Verständnis, warum sich Menschen so oder so entwickeln.

Mitgefühl und Verständnis hatte ich ja schon als Kind für meine Eltern. Das war das Einzige was ich hatte. Der einzige Weg, der nicht versperrt war. Verständnis zu haben, war mein Überlebensprogramm.

Der Enneagramm Typ 5 nutzt Verstehen als Kompensationsstrategie in Konfliktsituationen.

Ich habe durch Verstehen (5) und durch Mitgefühl (2) meine Ohnmacht abgewehrt. Die 5 befreit sich nicht, indem sie wieder und wieder Verständnis hat, und noch mehr versteht, sondern indem sie Unabhängigkeit findet und sich nicht um andere Menschen kümmert. Indem sie ausbricht aus ihrem Verständnis.

Manche Leute denken, dass das abstrakte Verstehen der 5 das Ego Problem wäre. Aber das ist die Gabe der 5. Das ist auch je nach Subtyp unterschiedlich.

Das Problem des sexuellen Subtypen der 5 ( wie ich es bin) ist, dass sie sich durch ihr überbordendes Verständnis für die Gründe anderer Menschen verliert.

Deshalb ist es sehr gesund, wenn 5er oder auch 2er in ihre Wut kommen und wenn sie anklagend werden. Dann durchbrechen sie nämlich ihr Muster immer für alles und jeden Verständnis und Mitgefühl zu haben, außer für sich selbst.

Dann kommen manchmal Leute die der 5 ( Verstehen) oder der 2 ( Helfen) wieder sagen, sie sollen Verständnis haben.

Das ist dann aber, als ob man einer ausgebeuteten Altenpflegerin sagt, sie soll doch noch etwas mehr Verständnis dafür haben, dass sie länger arbeiten muss und  man ihr den Lohn kürzt, damit sich jemand der schon privilegiert ist, bereichern kann.

Für diese Altenpflegerin wäre es viel gesünder den Job hinzuwerfen und sich nicht mehr ausbeuten zu lassen, statt wieder Verständnis zu haben. Aber jeder steckt halt in diesen Rollen fest, bis dort alles gelernt ist.

Die Fähigkeit für alles und jeden Verständnis zu haben, hat mich ja auch weiter gebracht im Leben. Ich habe mich nicht in meinem Hass verloren, weil ich die Beweggründe der Menschen oft verstehe.

Den Hass musste ich trotzdem zulassen. Es führt kein Weg daran vorbei zu Hassen. Auch nicht, die Praxis des Mitgefühls. Und doch ist die Praxis des Mitgefühls wichtig.

Ein anderer Mensch, der bisher kein Verständnis hatte, muss vielleicht erstmal Verständnis und Mitgefühl finden. Jedes Ego braucht etwas anderes, um aus seiner Konditionierung heraus zu finden.

Ich habe mich mit der Kriegsenkel Sache beschäftigt, aber mich konnte nur das klare Setzen von Grenzen aus der abhängigen und leidvollen Situation befreien und die Akzeptanz meine Eltern zu verlieren. Das war richtig hart und doch die einzige Lösung.

Es war der Ausdruck meiner Schattenseite. Das was ich nie akzeptieren wollte. Ich wollte nie einen Menschen zurück lassen. Ich wollte immer mit jedem Mitgefühl haben.

Am Ende musste ich meinen Schatten annehmen und mich hart abgrenzen, auch wenn ich weiß, sie versteht es nicht. Das ist schwer für mich. Eine Grenze zu ziehen im Wissen, dass das jemand nicht versteht.

So ging es mir als Kind. Da habe ich es auch nicht verstanden, wie sie mich alleine lassen konnte.

So wollte ich nie sein und doch konnte ich mich nur befreien, in dem ich so war.

So stirbt das Ego: Indem man ist, was man nie sein wollte.

Dann hat man nichts mehr, mit dem man sich erhöhen kann. Man kann nicht mehr sagen, dass man ein besserer Mensch ist.

Das Unterscheiden (ich bin in der Sache besser oder schlechter als ... ) hält uns im Ego. Das hält die Trennung aufrecht.

Deshalb müssen alle Ideale und Unterschiede irgendwann aufgegeben werden.
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