RE: glauben wie geht das ?
Ich nehme mal an, du hast so deine Weltanschauung und die hälst du auch für die richtige. Aber sie macht dich irgendwie nicht glücklich, erfüllt dich nicht, gibt deinem Leben keinen Sinn. Nun siehst du andere Menschen mit anderen Weltanschauungen, die natürlich nicht richtig sind, aber diese Menschen "glauben" eben daran. Und du siehst, dass diese Menschen Sinn in ihrem Leben sehen und glücklicher zu sein scheinen als du.
Dein Problem ist jetzt, dass du ja "weisst", dass deine Weltanschauung zwar nicht glücklich macht, aber die richtige ist, während die Weltanschauungen der anderen falsch sind, aber glücklich machen (vereinfacht ausgedrückt). Du würdest gerne auch an solche Weltanschauungen glauben können (dass du das nicht willst, sondern nur mal so aus Interesse fragst, nehm ich dir nicht ab), aber da du natürlich weisst, dass sie nicht wahr sind, und du weisst, dass die Wirklichkeit und das Leben und alles sinnlos sind, fragst du dich, wie es möglich ist, mit diesem Wissen trotzdem an etwas zu glauben, was den Schein von Sinn im Leben erweckt und dich somit glücklich(er) macht.
Und da sage ich: das geht auf jeden Fall. Etwas reisserisch würde ich empfehlen: Beobachte dich selbst, öffne deinen Geist, erweitere dein Bewusstsein. Das Hauptproblem ist die Grundannahme, die eigene Weltanschauung sei die Wahrheit, woraus automatisch folgt, dass die von der eigenen abweichenden Weltanschauungen der anderen die Unwahrheit sind. Du "weisst", die anderen "glauben".
Durch Selbstbeobachtung findet man hoffentlich irgendwann heraus, dass das gar nicht so ist. (Fast) jeder geht davon aus, dass seine Weltanschauung die richtige ist, er also "weiss", während alle anderen an unwahre Weltanschauungen "glauben" (z.B. aus psychologischen Gründen, oder weil sie so erzogen sind, aus kulturellen Gründen, usw). Man kann irgendwann seine eigenen Vorurteile erkennen, die man immer für unumstössliche Wahrheiten, für eindeutig empirisches Wissen gehalten hat. Man realisiert, dass die eigenen Überzeugungen genauso psychologischen Motiven, der Erziehung, der Kultur, usw. entstammen wie die der anderen. Man gelangt irgendwann zur Erkenntnis von Sokrates, sinngemäss: Wer weiss, dass er nichts weiss, weiss mehr als der, der nicht weiss, dass er nichts weiss.
Dann relativiert sich die Unterscheidung zwischen der eigenen Ansicht als "Wissen" und die der anderen als "Glauben" sehr schnell. Wenn du dann deinen Geist öffnest, d.h. dich mal mit manchen Weltanschauungen nicht nur oberflächlich und ablehnend, sondern eben offen und tiefgehend beschäftigst, stellst du vielleicht fest, dass sie nicht per se unrealistischer oder weniger gesichert sind als die eigene und dass der Grund, warum der eine dieses glaubt und der andere jenes vielfältig ist.
Dann erweiterst du dein Bewusstsein, um nicht nur starr eine Weltanschauung zur Erfassung der Wirklichkeit zu benutzen, sondern mehrere - möglichst viele. Du nimmst deine Wahrnehmung der Welt nicht mehr als "die Wirklichkeit" wahr, so dass jeder, der deiner Wahrnehmung widerspricht, die Unwahrheit sagt, sondern du siehst sie als eine mögliche Perspektive, ein Modell der Wirklicheit an, von denen es viele gibt. Du beginnst zu akzeptieren, dass der andere, der dir von seiner Perspektive berichtet, die sich von deiner unterscheidet, genauso "recht" hat wie du. Du siehst die Welt durch deine Perspektive, er durch seine. Jeder glaubt, seine sie "die richtige". Die Gründe, aus denen der andere dies glaubt, sind dieselben wie bei dir.
Du kannst dann versuchen, dir andere Perspektiven zu erschliessen und sie zu benutzen. Hat man einmal erkannt, dass es alles nur verschiedene Modelle sind, das eigene genau wie die der anderen, fällt einem das wesentlich leichter.
Das alles bedeutet jetzt natürlich nicht, dass jede Weltanschauung richtig ist und man jede Meinung akzeptieren muss. Damit würde man ins andere Extrem der totalen Beliebigkeit abgleiten, dass einem auch nicht weiterhilft, denn dann glaubt man eigentlich gar nichts mehr. Es wird immer Perspektiven geben, die für einen Sinn machen, und andere, die das nicht tun (vielleicht aus gutem Grund, ich streite nicht ab, dass manche Leute sozusagen an den Weihnachtsmann glauben oder einfach völlig neurotisch sind). Wichtig ist, dass man den "Eine-Perspektive-eine-Wahrheit"-Standpunkt verlässt und eben einen "Modell-Agnostizismus" (Robert Anton Wilson) entwickelt. Den kritischen Verstand muss man dafür nicht eintauschen.
Tschüss,
Riky
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